Rzayeva, Sevindsh: Gesellschaft kontra Persönlichkeit. Zum Menschenbild im Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften’ von Robert Musil, 15.06.07

Im Roman Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil bedingt die Konzeption der Gesellschaft auch die Konzeption der Persönlichkeit; Gesellschaft und Persönlichkeit sind dialektisch verbunden: Grundlegende Eigenschaften der Persönlichkeit reifen in der Tiefe der gesellschaftlichen Beziehungen, die Persönlichkeit bewirkt ihrerseits soziale Tendenzen. Das bedeutet allerdings keineswegs die harmonische Vereinigung und Eintracht von Gesellschaft und Persönlichkeit. Tatsächlich fügt sich keine einzige Romanfigur bedingungslos ins Gesellschaftssystem ein.

„Wir gehen den umgekehrten Weg.“ Klaus Beier spricht mit Jiménez/Verlinden über sein Pädophilie-Präventionsprojekt, 02.06.07

Klaus Beier, Leiter des Präventionsprojekts der Berliner Charité, spricht über pädophile Menschen, den Tabubruch in Deutschland und die Ziele seines Pionierplans zur Behandlung der Pädophilie.

Professor Beier, viele Menschen setzen Pädophilie mit sexuellem Kindermissbrauch gleich. Ist das richtig?

Das ist falsch. Die sexuelle Ansprechbarkeit auf den kindlichen Körper muss keinesfalls zu sexuellen Handlungen mit Kindern führen. Von Interesse für die Prävention sexueller Übergriffe auf Kinder sind aus sexualmedizinischer Sicht daher vor allem die Bedingungen, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass von dem Betroffenen eine pädophile Neigung ausgelebt wird. Das ist dann der Fall, wenn die Betroffenen keine adäquaten Verhaltensstrategien aufgebaut haben, um ihre pädophile Neigung zu kontrollieren. Hierfür gibt es gut geeignete Hilfsmöglichkeiten, welche die Betroffenen aber kaum in Anspruch nehmen, wenn sie für die Neigung selbst verurteilt werden.

„Der Alltag auf der Welt muss sich ändern“. UNO-Vize Achim Steiner im Interview mit Camilo Jiménez über das Weltklima, 08.03.07

UNO-Vize und UNEP-Chef Achim Steiner spricht über die Folgen des jüngsten Weltklimaberichts, über die Möglichkeit eines Weltklimagipfels und erklärt, warum der Alltag des Menschen sich in den nächsten Jahren rasch verändern wird.

Der am 2. Februar 2007 in Paris veröffentlichte Weltklimabericht des von der UNEP geleiteten IPCC stellte dreierlei fest: Der Klimawandel ist im vollen Zug, der Mensch ist für diesen verantwortlich und es muss dringend gehandelt werden, um das Schlimmste zu vermeiden. Was wird die Strategie der UNO sein, um dies zu erreichen?

Das Problem der Religion. Über ’Les religions meurtrières’ von Élie Barnavi und ’Peut-on ne pas croire ? Sur la vérité, la croyance et la foi’ Von Jacques Bouveresse

Besprochenvon Michael Tillmann

Raymond Boudon: Renouveler la démocratie

Besprochenvon Michael Tillmann

Ende 2006 hat Raymond Boudon bei Odile Jacob unter dem programmatischen Titel Renouveler la démocratie : Eloge du sens commun eine Untersuchung zu den aktuellen Gefährdungen vor allem der französischen Demokratie veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Plädoyer für eine Rückkehr zu den eigentlichen, d.h. liberalen Grundwerten der Demokratie, in dem Raymond Boudon – wie immer mit bestechender Klarheit – den Feldzug gegen postmodernen Relativismus und – wie der Untertitel verrät – für den sensus communis, den gesunden Menschenverstand, führt.

Shapiro, Alan N.: TV’s ‚Lost‘. The Crash Out of Globalization and Into the World, 02.03.07

We Are ‚Lost Together‘

The television show Lost premiered on September 22, 2004. En route from Sydney, Australia to Los Angeles, California, USA, Oceanic Airlines Flight 815 crashes on an unknown Island in the South Pacific. The 48 survivors find themselves in hostile surroundings. Combining elements of drama, mystery, science fiction, fantasy, adventure, thriller and Reality-TV, Lost is arguably the most original and influential TV program since Star Trek in the 1960s. It is at the forefront of the ongoing total revolution of suspenseful content and technological creativity in television. It has received all the major industry awards in the USA, such as the Emmy and the Golden Globe. It is seen in more than 70 countries. An Informa media survey of 20 countries concluded in July 2006 that Lost is the second most viewed TV show in the world (behind CSI: Miami). In my media studies writing on Lost, I continue my project of inventing the literary genre of theory-fiction that I began in my book Star Trek: Technologies of Disappearance (called by Istvan Csicsery-Ronay, Jr. in the academic journal Science Fiction Studies one of the most original works in the field of „science fiction theory“ since 1993). Now going further than the retelling of stories, I write first-person phenomenological narratives of what each of the 14 major characters of Lost is feeling, perceiving, thinking, and experiencing from moment to moment. It starts in the opening scene of the Pilot Episode with the predicament of Dr. Jack Shephard, who awakens in the woods after the plane crash with a painful flesh wound in his side that I see as metaphorical for the unexamined psycho-biographical wound of men in today’s global culture. I develop a new men’s movement theory that departs significantly from all currently circulating gender theories. More generally, my view of Lost is that it is telling us more about where we are after September 11, 2001 than any other discourse that has tried to define our situation following that Event. The crash of Lost is the crash of the terrorists‘ planes into the Twin Towers. Like the survivors on the Island, we confront an entirely new reality for which there is no preexisting explanation and no road map. We are truly Lost Together.

Die Ungleichheitsdebatte in Frankreich. Sammelrezension

BesprochenSammelrezension von Michael Tillmann

Über B. Lindners Benjamin-Handbuch

Besprochenvon Thomas Weber

  • LINDNER, Burkhardt (Hrsg.): Benjamin Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzlar, Stuttgart, Weimar 2006. ISBN 978-3-476-01985-1.

Wie soll man ein Werk rezensieren, das die Arbeiten von über 40 international renommierten Benjamin-Experten aus dem In- und Ausland zusammenträgt und damit einen Meilenstein, in gewisser Hinsicht auch einen Schlussstein der Benjamin-Forschung der letzten Jahrzehnte setzt? Wäre das Handbuch ein Sammelband, würde sich der versierte Rezensent einzelne Aspekte herausgreifen und ihrem Für und Wider nachspüren. Er würde die Gelegenheit nutzen, griffige Benjamin-Zitate anzubringen, Benjamin-Restkenntnisse, die praktisch jeden nach 1969 lesefähigen, kultur- und sozialwissenschaftlich gebildeten Akademiker auszeichnen, oder gar versuchen, diesen oder jenen Expertenbeitrag in seinem Gewicht zu beurteilen, ihn vielleicht zurechtzurücken, in dem er ihn von der einen in die andere Rubrik verschiebt oder gar einen übersehenen Winkel zum Vorschein bringt. Doch angesichts der geballten kollektiven Intelligenz, die sich auf über 700 Seiten äußert, wäre ein solches Unterfangen nicht nur aussichtslos, sondern würde gerade auch die Leistung des Handbuchs verkennen, das als Ensemble konzipiert wurde.

Brocchi, Davide: Braucht die Welt einen zweiten Global Marshall Plan?, 31.01.2007

Die Global Marshall Plan Initiative von Franz Josef Radermacher beruft sich auf den Erfolg des amerikanischen Programms für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Europa. Genauso wie die internationale Entwicklungspolitik eines halben Jahrhunderts. Davide Brocchi stellt seine ideen und Argumente überblickshaft vor.

„Die Demokratie sollte den Markt und den Wettbewerb regulieren, unsere Welt hat jedoch ein gravierendes Demokratieproblem. Ich möchte es ungeschützt sagen. Das Weltdemokratieproblem ist, dass sich 300 Millionen Menschen einen Präsidenten wie Bush leisten dürfen, während die restlichen sechs Milliarden mit ihm leben müssen!“