
Kaum ein Thema ist so sehr mit Erzählungen aufgeladen wie das eigene Haus. Es geht um Zahlen und Zinssätze, klar. Aber es geht eben auch um Statusfragen, um Familiengeschichten, um das diffuse Gefühl, „es geschafft“ zu haben. Wir haben mit der Finanzsoziologin Dr. Miriam Kessler gesprochen, die seit Jahren untersucht, wie Deutsche über Geld und Wohneigentum reden – und wo zwischen Küchentischweisheit und Kreditvertrag die größten Missverständnisse liegen.
Kessler bringt eine ungewöhnliche Perspektive mit. Sie schaut nicht zuerst auf die Tilgungsrate, sondern auf die Geschichten, die Menschen sich über das Bauen erzählen. Und diese Geschichten, sagt sie, seien oft älter als die Konditionen, die gerade an den Märkten gelten.
avinus: Frau Kessler, wenn Sie an die Baufinanzierung denken – ist das für Sie eher ein Finanz- oder ein Kulturthema?
Beides, und das lässt sich kaum trennen. In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt nur gut 43 Prozent der Haushalte in den eigenen vier Wänden – deutlich weniger als in Spanien oder Italien. Trotzdem gilt das Eigenheim hierzulande als bürgerliches Lebensziel schlechthin. Diese Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit ist hochspannend. Sie erzeugt Druck, manchmal auch ein schlechtes Gewissen bei Mietern, die sich fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben. Dabei ist Miete keine moralische Kategorie.
avinus: Welcher Mythos begegnet Ihnen am häufigsten?
Der hartnäckigste ist wohl: „Ohne dickes Eigenkapital braucht man gar nicht erst anzufangen.“ Das stimmt so nicht. Richtig ist, dass mehr Eigenkapital die Zinsen senkt und Sicherheit schafft. Aber die Vorstellung, man müsse den halben Kaufpreis auf dem Konto haben, hält viele junge Familien unnötig zurück. Genauso verbreitet ist der Glaube, der niedrigste Zins sei automatisch das beste Angebot. Wer nur auf die eine Prozentzahl schaut, übersieht Sondertilgungsrechte, Flexibilität und Laufzeit. Und dann gibt es noch die Erzählung vom „richtigen Moment“ – als gäbe es einen magischen Zeitpunkt, an dem alles zusammenpasst. Den gibt es nicht. Es gibt nur den Punkt, an dem die eigene Situation stabil genug ist. Alles andere ist Kaffeesatzleserei, verkleidet als Marktbeobachtung.
avinus: Was raten Sie Menschen, die zwischen diesen Erzählungen den Überblick verlieren?
Erst einmal Ruhe bewahren und ehrlich rechnen, bevor überhaupt ein Objekt ins Spiel kommt. Ein nüchterner Kassensturz – Einnahmen, Ausgaben, Rücklagen – schützt vor den meisten teuren Fehlern, und genau diese Reihenfolge empfehlen die Experten von Baufinanzierung-Vergleich. Wer weiß, welche Monatsrate wirklich tragbar ist, verhandelt souveräner und lässt sich weniger von schönen Küchen oder dem Zeitdruck der Verkäufer treiben. Das klingt unromantisch, ist aber die eigentliche Freiheit in dem ganzen Prozess.
avinus: Sie sprechen den emotionalen Teil an. Wie stark spielt der hinein?
Enorm. Das Bauen berührt dieselben Nerven wie andere große Lebensentscheidungen. Ich sehe da Parallelen zu dem Wunsch, eine Hochzeit ohne Perfektionsdruck zu planen – auch hier kämpfen Menschen gegen ein Idealbild an, das ihnen Werbung und soziale Medien liefern. Beim Hausbau kommt hinzu, dass jede Entscheidung Jahrzehnte bindet. Diese Tragweite macht anfällig für Bauchentscheidungen. Und Bauchentscheidungen sind bei sechsstelligen Summen selten die günstigsten.

Ehrlich rechnen statt schnell unterschreiben: Der nüchterne Kassensturz am Küchentisch schützt vor teuren Fehlern.
avinus: Gibt es einen Mythos, der besonders soziale Folgen hat?
Ja, die Idee, Wohneigentum sei automatisch der sichere Hafen fürs Alter. Das kann stimmen, muss es aber nicht. Wer sich übernimmt, steht im Zweifel schlechter da als vorher. Ich denke an Fälle, in denen ein Einkommen wegbricht – etwa durch Krankheit. Wie schnell finanzielle Planung dann kippt, zeigt sich an Themen wie einer hohen Nachzahlung bei der Erwerbsminderungsrente. Eine Finanzierung sollte solche Brüche aushalten, nicht nur die Schönwetterlage.
avinus: Viele fürchten die laufenden Kosten nach dem Kauf. Zu Recht?
Teilweise. Der Kaufpreis ist nur der Anfang. Instandhaltung, Modernisierung, Energie – das summiert sich, und ein Teil davon lässt sich nicht aufschieben, wenn plötzlich das Dach oder die Heizung streikt. Fachleute raten deshalb, jedes Jahr einen festen Betrag pro Quadratmeter zurückzulegen. Manche unterschätzen, wie viel schon kleine Maßnahmen kosten, andere überschätzen es maßlos und trauen sich gar nichts mehr zu. Ob sich zum Beispiel eine Sanierung lohnt oder ob man mit weniger auskommt, lässt sich meist gut abwägen; die Frage, ob es sich lohnt, Küchenfronten auszutauschen statt die ganze Küche zu erneuern, ist da ein schönes Miniaturbeispiel für kluges Haushalten. Nicht jede Verbesserung muss teuer sein.
avinus: Wo finden Ratsuchende seriöse Informationen, jenseits von Verkaufsinteressen?
Unabhängige Stellen sind Gold wert. Die Verbraucherzentrale etwa erklärt nüchtern, welche Nebenkosten anfallen und wie viel Eigenkapital sinnvoll ist, ohne einem gleich ein Produkt verkaufen zu wollen. Ich rate immer, mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen zu vergleichen, bevor man unterschreibt. Und man darf Fragen stellen, bis man wirklich versteht, worauf man sich einlässt. Ein guter Berater nimmt einem diese Fragen nicht übel.
avinus: Zum Schluss – was wünschen Sie sich für die gesellschaftliche Debatte?
Mehr Gelassenheit und weniger Dramatik. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, kein Wettbewerb. Ob jemand mietet, kauft oder wie beim Umzug in eine andere Stadt noch einmal ganz neu anfängt, sagt nichts über seinen Wert als Mensch aus. Wenn wir die Baufinanzierung entzaubern und als das behandeln, was sie ist – eine rationale Entscheidung mit emotionalem Beiklang –, treffen die Menschen bessere Entscheidungen. Und schlafen ruhiger.
Das Gespräch zeigt, wie eng Zahlen und Erzählungen beim Thema Eigenheim verwoben sind. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre: Wer die Mythen kennt, kann sie beiseiteschieben – und sieht am Ende klarer, was er sich wirklich leisten will.





