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Dokumentarfilmisch arbeiten: die Methode des Christoph Hübner

Filmkamera auf einem Stativ vor dem Förderturm einer stillgelegten Zeche im Abendlicht
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Am Anfang stand eine Frage, die mit dem Film scheinbar nichts zu tun hatte. „Wo sitzt Du gerne?“, wollte das Team von dem Bergarbeiter Alphons S. wissen. Er nannte die Küche, also wurde in der Küche gedreht. Christoph Hübner hat diese Episode 2026 in einem Interview erzählt, und in ihr steckt bereits, was seine Arbeit seit fünf Jahrzehnten bestimmt: Die Menschen vor der Kamera geben den Ort und das Tempo vor.

Wer wissen will, was dokumentarisch arbeiten heißt, kommt an Hübner und Gabriele Voss kaum vorbei. Ihr gemeinsames Werk reicht von einem achtteiligen Lebensbericht über eine Zechensiedlung, die das Paar 45 Jahre lang begleitet hat, bis zu einer Filmreihe, in der Kolleginnen und Kollegen über ihr Handwerk Auskunft geben.

Wer ist Christoph Hübner?

Geboren 1948, aufgewachsen in Heidelberg und Hamburg. Hübner studierte zunächst Jura in Heidelberg und München, bevor er 1971 an die Hochschule für Fernsehen und Film München wechselte; schon die frühen Studentenfilme liefen in Oberhausen, Hof und Mannheim. Mit „Huckinger März“ (1973/74) entstand ein dokumentarischer Spielfilm über einen wilden Streik. Das Ruhrgebiet ließ die beiden damals noch in München lebenden Studierenden danach nicht mehr los.

1978 folgte der Umzug. Gemeinsam mit Voss und anderen gründete Hübner das RuhrFilmZentrum, gedacht für eine Filmarbeit, die lange an einem Ort bleibt. 1980 gehörte er zu den Mitbegründern des Filmbüros NW und der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok).

JahrStation
1948geboren, aufgewachsen in Heidelberg und Hamburg
1968Begegnung mit Gabriele Voss, seither gemeinsame Arbeit
1971Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München
1978Umzug ins Ruhrgebiet, Gründung des RuhrFilmZentrums
1980Adolf-Grimme-Preis für „Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S.“
2004Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, gemeinsam mit Voss

Gabriele Voss und Christoph Hübner: ein Werk zu zweit

Über diese Filme lässt sich kaum sprechen, ohne beide Namen zu nennen. Seit 1968 arbeiten die beiden zusammen, und die Rollen blieben über Jahrzehnte erstaunlich stabil: Hübner führt Kamera und Gespräch, Voss macht den Ton und verantwortet vor allem Montage und Dramaturgie.

Das hat Folgen für die Form. Wer filmt, steht mitten im Gespräch und reagiert auf den Augenblick. Wer schneidet, sieht dasselbe Material Wochen später mit Abstand und baut daraus eine Erzählung. Auch das Geld schrieb mit: Als Förderer verlangten, das Ebel-Projekt schon vor dem Dreh in einzelne Filme zu zerlegen, notierte Voss 1983 in ihren Arbeitsnotizen „Den Kuchen aufteilen, bevor er gebacken ist“.

Alphons S.: eine Lebensgeschichte als Zeitgeschichte

Den Arbeiter Alphons S. lernten Hübner und Voss beim Film „Vom Alltag einer Krise“ (1976) kennen. Zwei Jahre später entstand die „Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S.“: acht Teile, rund viereinhalb Stunden, 1980 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

Gedreht wurde auf Halbzoll-Video. Ein Band lief 30 Minuten, eine 16-mm-Filmrolle nur 10, und für lange Gespräche war das ein anderer Atem, wie Voss im Rückblick erklärt. Der Film erzählt ein einzelnes Leben so genau, dass darin die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts aufscheint. Hübner selbst nennt ihn den Ursprung des späteren Zyklus über Bottrop-Ebel. Vom Porträt eines Menschen wollten die beiden den Blick auf einen ganzen Ort weiten.

Prosper/Ebel: 45 Jahre filmische Langzeitbeobachtung

1978 zogen Hübner, Voss und andere für knapp fünf Jahre in die Zechensiedlung Bottrop-Ebel. Der Betriebsrat hatte ihnen die Hälfte eines Bergarbeiterhauses zur Miete angeboten. Die Filmemacher lernten die Bewohner zuerst als Nachbarn kennen und begannen erst danach, deren Alltag zu filmen. Die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet das als „filmische Geschichtsschreibung“ ein, als Variante jener „Geschichte von unten“, die in den frühen 1970er Jahren aufkam.

Grafik als Zeitstrahl: die Filme des Zyklus Prosper/Ebel von 1980 bis 2023
Der Zyklus „Prosper/Ebel. Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung“ umfasst acht Filme aus mehr als vier Jahrzehnten.

Geplant war ursprünglich ein einziger langer Film. Die Finanzierung machte mehrere daraus: „Die vierte Generation“ (1980, 60 Minuten) über die Lehrlinge der Zeche, „Frauen-Leben“ und „Grüße vom Nachbarn Karl“ (beide 1980), „Die Einwanderer“ (1980/81) über die migrantischen Arbeiter, „Matte Wetter“ (1981) über die Arbeit unter Tage und „Inmitten von Deutschland“ (1982). Unter Tage war das Drehen mit 16-mm-Film eine Expedition, alle Geräte mussten gegen Funken geschützt sein.

1995 kehrten die beiden zurück. Die Zeche war gerade eine Woche lang gegen den Abbau von Arbeitsplätzen besetzt worden, und 1998 erschien „Das Alte und das Neue“.

Den Schlusspunkt setzte dann die Geschichte selbst. 2018 schloss in Bottrop mit Prosper-Haniel die letzte Steinkohlezeche Deutschlands, ausgerechnet jene, die das Paar seit 1978 beobachtet hatte. „Vom Ende eines Zeitalters“ (2023, 155 Minuten) kam im April 2024 ins Kino, 45 Jahre nach Beginn des Projekts. Der erste Zyklus war auf Zelluloid entstanden, „Das Alte und das Neue“ auf Betacam, der letzte Film digital.

Was eine solche Langzeitbeobachtung leisten kann, fasst Hübner im Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung in einen Satz: „Langzeitdokumentationen haben eine ganz besondere Qualität: Sie zeigen, wie sich Dinge verändern, wie sich die Gesichter der Menschen verändern, und wie sich die Geschichte und Zeit in die Gesichter der Menschen einbrennt.“ Damit steht Prosper/Ebel neben Winfried Junges „Die Kinder von Golzow“ und Volker Koepps Wittstock-Filmen. Anders als dort erhält in Ebel der Ort ebenso viel Gewicht wie die Menschen.

Das Handwerk: Kamera auf der Schulter, Pausen statt Fragelisten

Hübners Arbeitsweise lässt sich an wenigen, sehr konkreten Entscheidungen festmachen. Mit den Abläufen einer Auftragsproduktion, wie sie etwa bei einem Werbevideo mit Drehbuch und festem Drehplan üblich sind, haben sie wenig gemein.

  • Kamera am Auge: Meist liegt die Kamera auf seiner Schulter, das Auge dicht am Sucher. Die Gesprächspartner sehen so ihn an und zugleich das Publikum. Das Stativ kommt für ruhige Totalen, etwa beim Abriss der Zeche.
  • Kleines Gerät: Er mag nach eigener Aussage unauffälliges Equipment, damit die Kamera in privaten Momenten keine große Rolle spielt.
  • Keine Fragelisten: „Diese Pausen beim Dreh, in denen ich nichts frage, sind wichtig, weil die Menschen dann beginnen, selbst zu denken“, sagt Hübner. Die brauchbaren Szenen entstehen nach seiner Erfahrung oft erst am Nachmittag.
  • Zurückhaltender Kommentar: Die Filmemacher sind nicht im Bild. Rückfragen aus dem Off bleiben offen, Off-Texte geben nur Orientierung.
  • Tätigkeit im Bild: Die Protagonisten arbeiten, basteln oder räumen während des Gesprächs.

Wie das aussieht, zeigt der Beginn von „Vom Ende eines Zeitalters“. Die Kamera fährt im Förderkorb rund 1.200 Meter in die Tiefe, über fünf Minuten fast ohne Schnitt. „Montage von Augenblicken“ nennen die Filmemacher diesen Blick. Diese Einstellung ist das stärkste Argument der Methode. Sie lässt das Publikum die Einfahrt selbst durchstehen, einen Kommentar braucht es dafür nicht.

Schneidetisch mit Filmspulen und Monitor in einem abgedunkelten Montageraum
Im Schnitt entsteht aus Augenblicken eine Erzählung: Gabriele Voss verantwortet bei den gemeinsamen Filmen vor allem die Montage.

Das Dokumentarische als Haltung

So heißt ein Text Hübners von 1988, und der Titel trifft den Kern. Dokumentarisch arbeiten bedeutet hier zuerst eine Entscheidung darüber, wer im Film zur Geltung kommt. „Es geht darum, dass sich die Menschen vor der Kamera wohl fühlen, und nicht unbedingt wir.“ Ebenso deutlich besteht er darauf, dass am Ende ein gestalteter Film steht und keine bloße Aufzeichnung.

Diese Haltung hat er stets im Austausch mit anderen geprüft. Für die Reihe „Dokumentarisch arbeiten“ (1995–2012) entstanden 17 einstündige Filmgespräche. Zu Gast waren unter anderem Klaus Wildenhahn, Jürgen Böttcher, Volker Koepp, Peter Nestler, Johan van der Keuken und Harun Farocki, später auch Thomas Heise und Nikolaus Geyrhalter.

Begleitend erschienen die Bände „Dokumentarisch Arbeiten“ (1996) und „Ins Offene“ (2000). 2014 gab Bert Rebhandl die Sammlung „Film/Arbeit“ heraus. Im selben Jahr, am 19. Mai 2014, sprach Hübner in der Ringvorlesung „Medienkulturen des Dokumentarischen“, und sein Vortrag verband die eigene Werkschau mit Fragen nach dem Stand des Dokumentarfilms.

Skeptisch sieht er die Digitalisierung. Beim analogen Film habe man sich überlegen müssen, was wichtig ist. Heute werde vieles, so Hübner, „einfach laufen gelassen“. Die Beobachtung passt zu einer Frage, die auch das Lesen betrifft, nämlich wie sich digitale Medien und Printmedien im Gebrauch unterscheiden. Ein billigeres Medium verändert die Sorgfalt, mit der man es benutzt.

Jenseits der Zeche: van Gogh, Harlan und der Fußball

Das Ruhrgebiet blieb der Hauptschauplatz. Das Werk reicht trotzdem weiter:

  1. der Film über Vincent van Gogh „Der Weg nach Courrières“ (1989), zusammen mit Voss, der zugleich über das eigene Filmemachen nachdenkt
  2. „Anna Zeit Land“ (1993)
  3. „Thomas Harlan / Wandersplitter“ (2006), ein Porträt des Schriftstellers und Regisseurs Thomas Harlan
  4. die Fußball-Trilogie mit Nachwuchsspielern von Borussia Dortmund: „Die Champions“ (2003), „HalbZeit“ (2009) und „Nachspiel“ (2019)
  5. die „Emscher-Skizzen“ (ab 2006), Dutzende kurze Dokumentarfilme über das Emschertal und seine Bewohner

Auch hier gilt das Ebel-Prinzip. Die Fußballfilme begleiten junge Talente über mehr als 20 Jahre. Die Emscher-Skizzen kehren an dieselben Orte zurück.

Kernaussagen: was die Methode ausmacht

  • Zeit ist das wichtigste Material. Prosper/Ebel umfasst acht Filme aus 45 Jahren.
  • Nähe entsteht durch Leben vor Ort, lange bevor die Kamera läuft.
  • Die Regie wandert zu den Gesprächspartnern, wenn man sie lässt; Pausen gehören dazu.
  • Der Kommentar hält sich zurück, die Montage erzählt.
  • Ein Dokumentarfilm bleibt ein gestaltetes Werk, auch wenn er vom Alltag handelt.

Wer die Methode an einem einzigen Film kennenlernen will, beginnt am besten mit „Vom Ende eines Zeitalters“: 155 Minuten, die alte Aufnahmen aus Ebel mit der Stilllegung der Zeche verschränken und so die vier Jahrzehnte des Zyklus in einem Bogen zeigen.

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