Kultur

Alois Riehl: Der philosophische Kritizismus neu gelesen

Aufgeschlagene Bände des 19. Jahrhunderts auf einem Gelehrtenschreibtisch mit Messinstrumenten
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1906 beauftragten Sophie und Alois Riehl einen zwanzigjährigen, noch unbekannten Architekten mit dem Entwurf ihres Wohnhauses in Neubabelsberg bei Potsdam. Der junge Mann hieß Ludwig Mies und wurde später als Mies van der Rohe berühmt; der Bauherr dagegen ist heute selbst unter Philosophiestudenten kaum noch ein Name. Das ist ungerecht. Kurz zuvor hatte er den Berliner Lehrstuhl Wilhelm Diltheys übernommen, und sein Hauptwerk *Der philosophische Kritizismus* gehört zu den gründlichsten Versuchen des späten 19. Jahrhunderts, Kant mit der Naturwissenschaft seiner Zeit ins Gespräch zu bringen. Wer vom Neukantianismus spricht, nennt meist Cohen, Natorp, Windelband und Rickert. In dieser Reihe fehlt sein Name oft, obwohl seine Leitfrage kaum gealtert ist: Wie viel Wirklichkeit muss eine Erkenntnistheorie zugeben, damit Wissenschaft überhaupt etwas erkennt?

Vom Riehlhof bei Bozen auf den Berliner Lehrstuhl

Alois (auch Aloys) Adolf Riehl kam am 27. April 1844 auf dem Riehlhof südlich von Bozen in Südtirol zur Welt, als zweites von fünf Kindern des Gastwirts Josef Riehl. Nach dem Franziskanergymnasium in Bozen studierte er Philosophie, Geographie und Geschichte in Wien, München, Innsbruck und Graz und wurde 1868 in Innsbruck promoviert. 1869 heiratete er in Klagenfurt Paula Polster, die 1879 starb; 1881 folgte die Ehe mit Sophie, geb. Reyer, einer Tochter des Grazer Medizinprofessors Alexander Reyer. Die akademische Laufbahn verlief bemerkenswert geradlinig:

  • 1870: habilitierte er sich an der Universität Graz mit den *Realistischen Grundzügen*
  • 1872: *Über Begriff und Form der Philosophie*, eine Einleitung in das Fach
  • 1878: in Graz zum ordentlichen Professor für Philosophie berufen
  • 1882: Freiburg im Breisgau, als Nachfolger Windelbands
  • 1896 Kiel, 1898 Halle
  • 1905: Berlin, als Nachfolger Wilhelm Diltheys
  • 1913: Ehrendoktor der Universität Princeton

Schon die Grazer Habilitationsschrift zeigt die Richtung. Sie steht unter dem Einfluss Johann Friedrich Herbarts und markiert, so die Neue Deutsche Biographie, den Übergang von einem dogmatischen zu einem kritischen Realismus. Am 21. November 1924 starb er in Neubabelsberg bei Potsdam, wo das Wohnhaus im heutigen Stadtteil Babelsberg noch steht; das Grabmal auf dem Friedhof von Klein Glienicke entwarf ebenfalls Mies van der Rohe.

Was ist der philosophische Kritizismus bei Alois Riehl?

Der vollständige Titel klingt nach Programm: *Der philosophische Kritizismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft*. Philosophie ist für Riehl vor allem Kritik der Erkenntnis und keine Weltanschauungslehre. Nachdem sich die Einzelwissenschaften im 19. Jahrhundert verselbständigt hatten, bleibt ihr nach seiner Auffassung die Rolle einer allgemeinen Wissenschaftslehre: von den Fachdisziplinen unterschieden, aber auf sie bezogen.

Das Werk erschien in Leipzig und ist in drei Teile gegliedert:

  1. Band 1 (1876): *Geschichte und Methode des philosophischen Kritizismus*. Locke, Hume und Wolff als Vorgeschichte, dann Kant bis zum theoretischen Teil der *Kritik der reinen Vernunft*.
  2. Band 2 (1879): *Die sinnlichen und logischen Grundlagen der Erkenntnis*, gewissermaßen eine Logik der Intelligenz.
  3. Abschluss in den 1880er-Jahren: *Zur Wissenschaftstheorie und Metaphysik*. Die Ethik kommt hier nur am Rand vor.

Bibliographien zählen das Werk mal als drei Bände, mal als zwei Bände, deren zweiter in zwei Teile zerfällt. Spätere Auflagen bis in die 1920er-Jahre tragen den Untertitel *Geschichte und System*, und Riehl hat sie nachgebessert und um aktuelle Debatten ergänzt.

Der historische Teil folgt einer Linie, die Riehl in drei Stufen beschreibt: Locke beginnt mit der Prüfung des Verstandes, Hume radikalisiert sie, Kant bringt die Bewegung zum Abschluss. Hier liegt die schwächste Stelle des Buches. Wie viele Neukantianer liest Riehl die ganze neuere Philosophie als Vorlauf auf Königsberg zu. Freilich warnt derselbe Autor davor, Kant verbreitete Fehldeutungen unterzuschieben und diese dann mit großem Aufwand zu widerlegen. Jeder Kant-Kommentar könnte diesen Satz als Motto tragen.

Kritischer Realismus: Das Ding an sich bleibt

Der eigentliche Unterschied zu den meisten Zeitgenossen liegt im Umgang mit dem Ding an sich. Während andere Neukantianer es zum bloßen Grenzbegriff herabstuften oder ganz strichen, hält Riehl es für einen Grundbestandteil jeder Kritik. Gegen die verbreitete subjektivistische Lesart der kantischen Philosophie liest er Kant als erkenntnistheoretischen Realisten. Wer erkennt, setzt für ihn etwas voraus, das er nicht selbst hervorbringt. Mit der alten Metaphysik des Absoluten hat das wenig zu tun. Die Empfindung ist der Punkt, an dem uns diese Wirklichkeit begegnet; die Sinne begrenzen das Erkennen also nicht, sie machen es erst möglich.

Zwei Gedanken tragen diese Position:

  • Die apriorischen Formen versteht Riehl als geistige Vorgänge, und das Apriori bezeichnet bei ihm einen logischen Vorrang, keinen zeitlichen.
  • Ein Urteil ist mehr als eine formal korrekte Verbindung von Begriffen. Es bezieht sich auf einen Gegenstand und kann deshalb wahr oder falsch sein; diesen Punkt holt Riehl ausdrücklich bei Aristoteles ab.

Methodisch unterscheidet er zwei Wege der Forschung. Der Vergleich vieler Fälle liefert empirische Regeln; die vollständige Analyse eines einzigen Falles führt zu Gesetzen, so wie der Chemiker einen Stoff zerlegt und wieder zusammensetzt. Gerade diese Nähe zur Laborpraxis macht das Buch heute lesbarer als manche reine Begriffsarbeit der Epoche.

Wissenschaftliche Messinstrumente des 19. Jahrhunderts aus Messing auf einem Labortisch
Riehl suchte das Gespräch mit der messenden Naturforschung seiner Zeit.

Im Gespräch mit Helmholtz, Mach und Poincaré

Die Physik seiner Gegenwart hat der Philosoph aus Bozen genau gelesen. Mit Hermann von Helmholtz verbindet ihn die Überzeugung, dass bloße Erfahrungssammlung keine allgemeinen Gesetze liefert. Gegen Ernst Mach, der Empfindungen und Dinge gleichsetzte, merkt er trocken an, dass solche Grundanschauungen die Praxis der Forschung erstaunlich wenig beeinflussen. Robert Musil schrieb übrigens 1908 seine Berliner Dissertation über Machs Lehren, Riehl war einer der Gutachter.

Weitere Fronten der überarbeiteten Auflagen:

  • Psychophysik: Mit Johannes von Kries, der 1882 die Messbarkeit von Intensitäten bestritt, hält Riehl nur Objekte und extensive Größen für messbar, nicht die Empfindungen selbst.
  • Geometrie: Henri Poincarés These, die euklidische Geometrie sei nur die bequemste, verspottet er mit Blick auf die Evolution: Hätten nur die bequemen Vorfahren überlebt?
  • Mathematik: David Hilberts Formalismus, der Zeichen ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung verknüpft, lehnt er ab, weil Mathematik dann nicht mehr wüsste, wovon sie spricht.

Auch die nichteuklidische Geometrie nahm er ernst. Kant fortschreiben hieß für ihn, aktuelle Resultate von Mathematik und Physik einzuarbeiten, statt sie abzuwehren.

Riehl und die Schulen des Neukantianismus

Um 1900 besetzte der Neukantianismus die meisten philosophischen Lehrstühle im deutschen Sprachraum. Riehl gehört dazu, aber zu keinem der beiden großen Lager. Innerhalb des Neukantianismus gelten er und der Österreicher Robert Reininger als Vertreter des Kritizismus; laut NDB fand er den Weg zum Realismus über die Naturwissenschaft. In Studien zur österreichischen Kant-Rezeption bildet sein kritischer Realismus einen eigenen Strang.

Marburger SchuleSüdwestdeutsche SchuleRiehl
HauptvertreterHermann Cohen, Paul NatorpWilhelm Windelband, Heinrich RickertRiehl, ähnlich Robert Reininger
LeitfrageLogik der reinen ErkenntnisGeltung und Werte, KulturwissenschaftenBedingungen gegenständlicher Erkenntnis
Ding an sichGrenzbegriff, Aufgabe des Denkenstritt hinter Geltungsfragen zurückreale Voraussetzung des Erkennens
Zugang zu KantMathematik, LogikGeschichts- und WertphilosophieNaturwissenschaft, Psychologie

Die Tabelle vereinfacht; Grenzen zwischen den Lagern waren durchlässig, und Riehl folgte 1882 ausgerechnet Windelband in Freiburg nach.

Schüler, Leser und Nachwirkung

Riehls Einfluss lief vor allem über seine Schüler. Zu ihnen zählen Eduard Spranger, Richard Hönigswald, Max Frischeisen-Köhler und Heinrich Scholz. Oswald Spengler promovierte bei ihm über Heraklit, den Denker aus Ephesos, einer antiken Stadt in Kleinasien. Ein breiteres Publikum erreichte er mit *Friedrich Nietzsche. Der Künstler und der Denker* (Stuttgart 1897), einem Essay, der bis 1923 acht Auflagen erlebte. 1907 schlug er zusammen mit Hans Vaihinger und weiteren Professoren Elisabeth Förster-Nietzsche für den Literaturnobelpreis vor, aus heutiger Sicht keine glückliche Wahl. Posthum erschienen 1925 in Leipzig die *Philosophischen Studien aus vier Jahrzehnten*.

Infografik zur Linie des Kritizismus von Locke über Hume und Kant zu Riehl
Riehls Lesart: drei Stufen des Kritizismus und sein eigener Beitrag.

Die philosophiegeschichtliche Pointe liegt weiter vorn. Michael Heidelberger hat 2006 gezeigt, wie Riehls Verbindung von Kantianismus und Realismus bis zu Moritz Schlick reicht, also an die Schwelle des Wiener Kreises. Im öffentlichen Bild der deutschen Dichter und Denker taucht Riehl trotzdem kaum auf.

Warum Riehls Hauptwerk heute wieder lesenswert ist

Seit 2023 erscheint das Hauptwerk neu im Felix Meiner Verlag, in der Reihe Philosophische Bibliothek (der erste Band als Nummer 766). Damit ist ein Text greifbar, der fast hundert Jahre lang nur antiquarisch zu haben war.

Der Zeitpunkt passt. Die Debatte zwischen wissenschaftlichem Realismus und Konstruktivismus wird heute mit anderen Begriffen geführt, aber Riehls Mittelweg passt in sie hinein: Die Formen des Erkennens stammen aus dem Verstand, der Stoff stammt aus einer Welt, die unabhängig von uns besteht. Wer die Quantenphysik-Interpretationen oder die Streitfragen der Kognitionswissenschaft verfolgt, findet bei Riehl einen frühen, nüchternen Gesprächspartner.

Für den Einstieg empfiehlt sich der erste Band, weil er die Problemlage historisch entwickelt. Wer systematisch lesen will, beginnt mit dem zweiten.

Lesehinweise

  • Wolfdietrich von Kloeden: *Riehl, Alois*. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 586–587
  • Wolfgang Röd: *Riehl Alois Adolf*. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. 9, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1988, ISBN 3-7001-1483-4, S. 153 f.
  • Michael Heidelberger: *Kantianism and Realism: Alois Riehl (and Moritz Schlick)*. In: M. Friedman, A. Nordmann (Hrsg.): The Kantian Legacy in Nineteenth-Century Science, MIT Press, Cambridge (Mass.) 2006, ISBN 0-262-06254-2, S. 227–247
  • Carl Siegel: *Alois Riehl. Ein Beitrag zur Geschichte des Neukantianismus*, 1932

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