
Im Sommer 1813 ziehen preußische, russische und französische Truppen durch Sachsen, und in einem Gasthofzimmer in Rudolstadt sitzt ein Fünfundzwanzigjähriger über einer Doktorarbeit. Er ist vor dem Krieg aus Berlin geflohen, er hat eine Kaufmannslehre hinter sich, ein abgebrochenes Medizinstudium und den frühen Tod des Familienoberhaupts. Wer verstehen will, wie aus dem Hamburger Kaufmannssohn der Verfasser von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ wurde, muss bei diesen Umwegen ansetzen. Der junge Schopenhauer, das sind die Jahre zwischen 1788 und 1819, und in ihnen entsteht beinahe alles, wofür der spätere Pessimist berühmt wurde.
Danzig und Hamburg: Erziehung zum Großkaufmann
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Heinrich Floris Schopenhauer, sein Vater, war ein wohlhabender Großkaufmann mit republikanischem Stolz, die Mutter, Johanna Henriette, geborene Trosiener, fast zwanzig Jahre jünger und literarisch interessiert. Den Vornamen soll er gewählt haben, weil er in mehreren Sprachen gleich klingt, was für einen künftigen Handelsherrn ein Vorteil war.
Als Danzig 1793 an Preußen fiel, verlegte die Familie Wohnsitz und Geschäft in die freie Reichsstadt Hamburg. Dort wuchs der Junge auf, zweisprachig im Wortsinn: Von 1797 bis 1799 lebte er in Le Havre bei der Familie des Geschäftsfreundes Grégoire de Blésimaire, mit dessen Sohn Anthime ihn eine lange Freundschaft verband. Zurück in Hamburg besuchte er die Rungesche Privatschule, die künftige Kaufleute ausbildete. 1797 kam die Schwester Adele zur Welt.

Die Bildungsreise von 1803/04 als Handel mit dem Vater
Der Sohn wollte aufs Gymnasium, Heinrich Floris wollte einen Kaufmann und bot einen Tausch an: eine lange Reise mit den Eltern durch Europa, danach die Ausbildung im Handel. Der Fünfzehnjährige nahm an. Ab 1803 ging es durch Holland, England, Frankreich, die Schweiz und Österreich; in Wimbledon verbrachte er mehrere Wochen in einem englischen Internat, dessen Frömmelei ihm verhasst war. In Toulon sah er die Galeerensträflinge des Arsenals, eine Szene, die er im Reisetagebuch festhielt.
Nach der Rückkehr hielt er sein Wort. Im September 1804 begann er beim Handelsherrn Jacob Kabrun in Danzig seine Ausbildung, 1805 wechselte er zu Martin Johann Jenisch nach Hamburg, so verzeichnet es die Neue Deutsche Biographie. Was er im Kontor lernte, war vor allem, dass er dort nicht hingehörte.
1805 bis 1809: Tod des Vaters, Aufbruch der Mutter
Im April 1805 starb Heinrich Floris Schopenhauer nach einem Sturz aus dem Speicher in einen Kanal; schon die Zeitgenossen vermuteten einen Suizid. Johanna löste das Geschäft auf und zog im September 1806 mit Adele nach Weimar, wenige Wochen vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt. Ihr Teesalon, zweimal in der Woche geöffnet, wurde rasch zu einem Treffpunkt jener Weimarer Gesellschaft, die man später gern als Inbegriff der Dichter und Denker beschrieb; Goethe und Wieland verkehrten dort. Ihre Reiseberichte und Romane machten sie bald bekannter, als der Sohn es zu Lebzeiten je werden sollte.
Er selbst blieb zunächst im Hamburger Kontor, aus Pflichtgefühl gegenüber dem Toten. Erst 1807 gab er auf. Er ging ans Gymnasium illustre in Gotha, musste es nach einem Spottgedicht auf einen Lehrer verlassen und lernte in Weimar privat weiter, Griechisch vor allem bei Franz Passow. Mit 21 erhielt er seinen Anteil am väterlichen Erbe. Ohne dieses Vermögen hätte es den Privatgelehrten nicht gegeben (ein Lehrstuhl blieb ihm sein Leben lang verwehrt), und die Abhängigkeit von Hof oder Universität, die er an Hegel so verachtete, blieb ihm erspart.
Göttingen und Berlin: Studienjahre eines Unzufriedenen
Am 9. Oktober 1809 schrieb er sich in Göttingen für Medizin ein. Schon im zweiten Semester verschob sich das Gewicht. Er hörte Naturgeschichte bei Blumenbach, dem berühmten Physiologen, Chemie und Physik, vor allem aber den Philosophen Gottlob Ernst Schulze, der als „Aenesidemus“ gegen die Kantianer polemisiert hatte. Schulze riet ihm, sich zunächst allein an Platon und Kant zu halten. Der Student befolgte das, in den Randglossen seiner Kollegienhefte allerdings mit wenig Respekt vor dem Ratgeber.
An Kant arbeiteten sich ein Jahrhundert später auch die Neukantianer ab, etwa Alois Riehl mit seinem philosophischen Kritizismus. Bei einem Besuch in Weimar 1811 riet ihm der alte Wieland von der brotlosen Philosophie ab, ließ sich im Gespräch aber umstimmen.
Im Herbst 1811 zog er an die gerade gegründete Universität der preußischen Hauptstadt. Er kam mit hohen Erwartungen an Fichte und verließ dessen Hörsaal mit spöttischen Randnotizen; dass dort aus der Tätigkeit des Ich die ganze Welt hervorgehen sollte, hielt er für Wortkunst ohne Anschauung. In drei Semestern belegte er ein Pensum, das weit über die Philosophie hinausging:
- Johann Gottlieb Fichte: „Tatsachen des Bewusstseins“ und Wissenschaftslehre
- Schleiermacher: Geschichte der Philosophie im christlichen Zeitalter
- Friedrich August Wolf: Altertumswissenschaft
- Martin Heinrich Klaproth: Experimentalchemie, Magnetismus, Elektrizität
- Hinrich Lichtenstein: Zoologie
Im Frühjahr 1813 rückte der Krieg näher. Nach der Schlacht bei Lützen am 2. Mai verließ er die Stadt. Dem Dekan der Jenaer Fakultät schrieb er später, er sei überzeugt, „nicht dazu geboren“ zu sein, „der Menschheit mit der Faust zu dienen“; sein Werkzeug sei der Kopf.
Die Dissertation: vier Wurzeln eines einzigen Satzes
In Rudolstadt, im Gasthof „Zum Ritter“, schrieb er die Arbeit „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“. Er reichte sie in Jena ein und wurde im Oktober 1813 in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie promoviert. Gedruckt wurde sie noch im selben Jahr in Rudolstadt.
Der Satz vom zureichenden Grunde besagt in der alten Formel, die über Leibniz und Christian Wolff in die Schulphilosophie kam, dass nichts ohne Grund ist. Schopenhauer zeigt, dass hinter diesem einen Satz vier verschiedene Arten von Begründung stecken, je nach Klasse der Objekte, die einem Subjekt gegeben sind. Subjekt und Objekt gehören zusammen; das eine kommt ohne das andere nicht vor:
| Wurzel | Gegenstand | Erkenntnisvermögen |
|---|---|---|
| Grund des Werdens | Ursache und Wirkung in der Natur, Gesetz der Kausalität | Verstand |
| Grund des Erkennens | Begriffe und Urteile | Vernunft |
| Grund des Seins | Raum und Zeit, Mathematik | reine Sinnlichkeit |
| Grund des Handelns | Motiv und Handlung | Selbstbewusstsein, Form des inneren Sinnes |
Die Pointe ist kantisch und richtet sich gegen Fichte und Schelling: Kein Objekt ohne Subjekt, und der Satz vom Grunde gilt nur innerhalb der Vorstellung, nie über sie hinaus. Wer aus ihm einen Gott oder ein Absolutes erschließen will, wie es die Metaphysik der Schulen tat, missbraucht ihn. In diesem Rahmen sollte fünf Jahre später das Hauptwerk stehen. 1847 legte der Autor eine stark erweiterte zweite Auflage vor.

Weimar, Goethe und der Bruch mit der Mutter
Im November 1813 kam er nach Weimar zurück. Der Dichter hatte die Dissertation gelesen und zog den neuen Doktor zu Versuchen über seine Farbenlehre heran. Aus diesen Wintermonaten ging die Abhandlung „Über das Sehn und die Farben“ hervor, die 1816 erschien und dem Lehrer in einem entscheidenden Punkt widersprach: Die Farben erklärte der Schüler aus der Tätigkeit der Netzhaut, also aus den Sinnen des Menschen. Danach kühlte das Verhältnis ab, ohne dass einer von beiden die Achtung für den anderen aufgab.
In denselben Monaten lernte er durch den Orientalisten Friedrich Majer die indische Philosophie kennen, in der lateinischen Übersetzung der Upanischaden. Mit der Mutter dagegen ging es nicht mehr. Im Mai 1814 kam es zum Bruch, der Sohn verließ Weimar. Die beiden haben sich bis zu Johannas Tod 1838 nicht wiedergesehen.

Dresden 1814 bis 1818: das Hauptwerk entsteht
In Dresden lebte er vier Jahre als Privatier, zwischen Gemäldegalerie, Bibliothek und Schreibtisch. Hier fügte er zusammen, was in Göttingen, Berlin und Weimar angelegt war: Kants Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, Platons Ideen, die indischen Texte. Das Ding an sich bestimmte er als Willen, als blinden Drang, der in der Natur ebenso wirkt wie im eigenen Leib. Jeder Mensch erfährt sich von innen als Willen und von außen als Leib unter anderen Körpern; jede Erscheinung des Willens ist nach dieser Lehre nur dessen Sichtbarwerden in Raum und Zeit.
Im Dezember 1818 erschien bei Brockhaus in Leipzig, auf 1819 datiert, „Die Welt als Wille und Vorstellung“: vier Bücher, dazu ein Anhang mit der Kritik der Kantischen Philosophie.
Das erste Buch trägt den Titel „Der Welt als Vorstellung erste Betrachtung“ und behandelt Anschauung und Begriff unter dem Satz vom Grunde. Das zweite zeigt den Willen in der Natur als Wesen aller Dinge, das dritte handelt von Kunst und platonischer Idee. Das vierte ist eine Ethik, die im Mitleid und zuletzt in der Verneinung des Willens zum Leben endet.
Der erste Satz lautet: „Die Welt ist meine Vorstellung“. In der Vorrede heißt es, mitgeteilt werden solle „ein einziger Gedanke“. Der Verkauf blieb kläglich, ein großer Teil der Auflage wurde später makuliert.
Als Privatdozent in Berlin legte er 1820 seine Vorlesung auf dieselbe Stunde wie Hegel und blieb fast ohne Hörer. Den Ruhm brachten erst die „Parerga und Paralipomena“ von 1851, in Frankfurt am Main geschrieben, und die zweite Auflage des Hauptwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von 1844 mit einem zweiten Band der Ergänzungen. Diese späteren Schriften setzen allerdings nur fort, was der Dreißigjährige in Dresden entworfen hatte.
Zeittafel: Der junge Schopenhauer 1788 bis 1820
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1788 | Geburt in Danzig am 22. Februar |
| 1793 | Umzug der Familie nach Hamburg |
| 1797–1799 | Aufenthalt in Le Havre |
| 1803–1804 | Bildungsreise durch Europa |
| 1804–1807 | Kaufmannslehre in Danzig und Hamburg |
| 1805 | Tod des Vaters |
| 1807–1809 | Gotha und Weimar, Vorbereitung auf das Studium |
| 1809–1811 | Studium in Göttingen |
| 1811–1813 | Studium in Berlin |
| 1813 | Dissertation, Promotion in Jena |
| 1814–1818 | Dresden, Arbeit am Hauptwerk |
| 1818/19 | „Die Welt als Wille und Vorstellung“ erscheint |
| 1820 | Habilitation und Vorlesungen in Berlin |
Wer diesem Lebensabschnitt genauer folgen will, findet das Material in wenigen Werken: Wilhelm von Gwinners „Arthur Schopenhauer aus persönlichem Umgange dargestellt“ (1862), die von Arthur Hübscher edierten Gespräche, den von Ludger Lütkehaus herausgegebenen Familienbriefwechsel „Die Schopenhauers“ (1991) und Rüdiger Safranskis Biografie „Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie“ (1987). Für das Thema dieses Textes ist Safranski die lesbarste Wahl, weil er die Studienjahre konsequent in die Geschichte der Berliner Universität und des Idealismus einbettet.





