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Cli-Fi: Climate Fiction zwischen Literatur, Film und Klimadebatte

Überflutete Großstadtstraße in der Dämmerung, auf einem Mauervorsprung liegt ein aufgeschlagenes Buch
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Im November 2016 sprach die Filmwissenschaftlerin Julia Leyda auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck über eine norwegische Fernsehserie, in der eine russische Besatzung Norwegen zwingt, Öl und Gas wieder zu fördern. Es ist ein Streit um fossile Brennstoffe, erzählt als Politthriller. Leydas Thema war allerdings weniger die Serie *Occupied* als ein Etikett, das damals noch nach Feuilleton-Mode klang: Cli-Fi, die Kurzform von Climate-Fiction. Gemeint ist erzählende Kunst über den menschengemachten Klimawandel und die Klimakrise, die er auslöst. Das Wort blieb hängen. Seither hat es sich in Verlagsprogrammen, Seminarplänen und Buchhandlungsregalen festgesetzt, und die Frage, ob es ein eigenes Genre bezeichnet oder nur eine Strömung der Gegenwartsliteratur, ist bis heute nicht entschieden.

Woher der Begriff Cli-Fi stammt

Als Erfinder gilt der US-amerikanische Journalist Dan Bloom, der seit 1996 in Taiwan lebt und sich selbst als Klimaaktivisten „der literarischen Art“ beschreibt. Wann genau er das Wort prägte, ist nicht ganz eindeutig: Die Wikipedia nennt 2007 oder 2008, Bloom selbst verband es in einem Gespräch mit dem Portal Riffreporter mit der Vermarktung des Romans *Polar City Red* von Jim Laughter, einer Geschichte über Klimaflüchtlinge in Alaska. Bekannt wurde der Ausdruck durch einen Tweet von Margaret Atwood, die mit Bloom befreundet ist und das Buch einen Climate-Fiction-Thriller nannte, und durch einen Radiobeitrag des US-Senders NPR vom 20. April 2013.

Das Wortspiel liegt offen zutage. Die Kurzform lehnt sich an Sci-Fi an und beansprucht damit für das 21. Jahrhundert, was die Science Fiction für das 20. war. Bloom hat diesen Anspruch nie versteckt. Er sagt, Climate-Fiction sei eines der wichtigsten Genres des Jahrhunderts; „Wir leben Cli-Fi-Zeiten“, so Bloom. Gleichzeitig hat er sich wiederholt beklagt, dass Medien seine Rolle verschweigen, und er versuchte lange, über die Bedeutung des Wortes mitzubestimmen. Gelungen ist ihm das nicht, und dem Wort hat es eher genützt.

Was Climate Fiction ausmacht: Merkmale des Genres

Eine feste Gattungsdefinition der Klimafiktion gibt es nicht, wohl aber wiederkehrende Züge. Die meisten Texte spielen in der Gegenwart oder in einer nahen Zukunft, die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind auch in reichen Gesellschaften des Nordens spürbar, und die Ursache wird ausdrücklich beim Menschen gesucht. Hier liegt der Unterschied zu älteren Katastrophenromanen. Dort schlägt die Natur ohne menschliches Zutun zurück, und die Menschen leben bloß mit den Folgen.

Julia Leyda hat in einem Arbeitspapier des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (damals IASS) sieben Schlagworte vorgeschlagen, die das Feld vorläufig umreißen:

  • zeitgenössisch: Schauplatz ist meist die Gegenwart oder die sehr nahe Zukunft, nicht ferne Planeten wie in Frank Herberts *Dune* (1965).
  • umstritten: schon die Entstehungsgeschichte des Wortes ist ein Streitfall.
  • transmedial: Roman, Comic, Film, Serie und Theater fallen gleichermaßen darunter.
  • transnational: das Thema hält sich an keine Landesgrenze, auch wenn viele Beispiele aus Nordamerika stammen.
  • didaktisch: viele Werke wollen etwas vermitteln, was nicht immer gut ausgeht.
  • generisch: die Klimafiktion verhandelt alte Gattungsgrenzen neu.
  • politisch: Klimapolitik ist nie bloß Kulisse.

Strittig bleibt die Abgrenzung zur Science-Fiction. Leyda will das Genre ausdrücklich nicht auf eine Untergattung reduzieren, weil Bücher wie Paolo Bacigalupis *The Water Knife* (2015) ohne Raumfahrt und ohne Zukunftstechnik auskommen und in einer dystopischen Gegenwart spielen. Der Literaturkritiker Martin Zähringer geht weiter und meint, Climate-Fiction sei eher eine Strömung der Weltliteratur. Dazu passt eine Beobachtung Blooms, der zwei Hauptrichtungen sieht: die Erzählung von der dystopischen Zukunft und den hoffnungsvollen, utopischen Gegenentwurf.

Romane und Filme, an denen sich das Feld ablesen lässt

Die Wurzeln reichen weit hinter die Begriffsprägung zurück. J. G. Ballard ließ 1962 in *The Drowned World* die Welt überfluten, einer von mehreren Katastrophenromanen, die er in den 1960er Jahren schrieb, und der Literaturwissenschaftler Axel Goodbody sieht in Ursula K. Le Guins *The Lathe of Heaven* (1971) den ersten Klimawandelroman. Die folgende Auswahl beschränkt sich auf Werke, deren Daten belegt sind; T. C. Boyles *Ein Freund der Erde* (2000) und Richard Powers’ *Die Wurzeln des Lebens* gehören ebenfalls in diese Reihe.

WerkAutor, Autorin oder RegieJahrMedium
*Die Parabel vom Sämann*Octavia E. Butler1993Roman
*Oryx und Crake*Margaret Atwood2003Buch, Auftakt der MaddAddam-Trilogie
*The Day After Tomorrow*Roland Emmerich2004Spielfilm
*Die Straße*Cormac McCarthy2006Buch, Pulitzer-Preis 2007
*Flight Behavior*Barbara Kingsolver2012Buch
*Occupied* (*Okkupert*)nach einer Idee von Jo Nesbø2015Fernsehserie
*New York 2140*Kim Stanley Robinson2017Buch
*Das Ministerium für die Zukunft*Kim Stanley Robinson2020Buch

Der Ton hat sich über drei Jahrzehnte verschoben. Butler und McCarthy erzählen vom Zerfall, Robinson setzt im *Ministerium für die Zukunft* auf Institutionen, Geldpolitik und zähe Verhandlungen. In *New York 2140* ist der Meeresspiegel um rund 15 Meter gestiegen, die Menschen in New York leben trotzdem weiter, nur eben in Booten und über dem Wasser. Robinson gilt als einer der wenigen Autoren der Gattung, die sich eine bewohnbare Zukunft vorzustellen wagen.

Kinosaal mit Leinwand, auf der eine verdorrte Landschaft unter greller Sonne zu sehen ist
Hollywood hat die Klimakatastrophe früh als Kinospektakel entdeckt, die Literatur erzählt sie meist leiser.

Julia Leyda und die Forschung zur Climate Fiction

Die Amerikanistin und Filmwissenschaftlerin forschte 2016 als Senior Fellow am IASS über die „Cultural Affordances of Cli-Fi“ und lehrte an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim. Ihr Ausgangspunkt ist ein Begriff des Kulturtheoretikers Raymond Williams, die „structure of feeling“: geteilte Empfindungen einer Zeit, die sich in Romanen und Filmen niederschlagen. Bewegte Bilder nennt sie mit Steven Shaviro „Maschinen zur Erzeugung von Affekt“. Für ihr Fach heißt das: genau hinsehen, wie solche Filme Gefühle erzeugen.

Die Kurzform zieht Leyda dem längeren „climate fiction“ vor, weil man „fiction“ im Englischen mit gedruckter Prosa verbindet, während Cli-Fi wie Sci-Fi auch Film und Fernsehen einschließt. Blooms Rolle erkennt sie an, seinen Besitzanspruch auf das Wort ausdrücklich nicht. Nachzulesen ist das in dem Arbeitspapier „The Dystopian Impulse of Contemporary Cli-Fi“, das aus einem gemeinsamen Workshop von IASS und John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin im Mai 2016 hervorging.

An *Occupied* interessierte sie gerade, dass die Serie keine Katastrophe zeigt. Der Klimawandel dient dort als Auslöser der Handlung und als politischer Hebel. Scharf trennt sie die Fiktion vom Dokumentarischen. Objektive Daten liefert die Klimafiktion nicht, eine verbindliche Botschaft ebenso wenig; die Texte entwerfen Vorstellungen davon, wie sich eine erwärmte Welt anfühlen könnte. Wer wissen will, wie anders der Dokumentarfilm mit Wirklichkeit umgeht, findet bei der Arbeitsweise des Dokumentarfilmers Christoph Hübner ein Gegenmodell.

Neben Leyda prägen weitere Namen das Feld. Axel Goodbody und Adeline Johns-Putra gaben mit *Cli-Fi: A Companion* (Peter Lang) das erste Kompendium heraus, 29 kurze Essays zu Schlüsselwerken in Literatur und Film. Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh warf der Gegenwartsliteratur im Jahr 2016 in *The Great Derangement* (deutsch *Die große Verblendung*) vor, sie verdränge die Klimakrise in die Genreliteratur.

Deutschsprachige Beispiele

Im deutschsprachigen Raum ist das Feld inzwischen breit, und der Buchmarkt bezeichnet vieles davon als Klimafiktion. Der Ö1-Wissenschaftsredaktion zufolge gibt es rund 30 deutschsprachige Klimaromane, wobei die Grenze zum Öko-Thriller fließend ist. Viel gelesen wurde hierzulande auch die Norwegerin Maja Lunde, deren *Die Geschichte der Bienen* 2017 auf Deutsch erschien. Als Vater dieser Thriller gilt Dirk C. Fleck. Den größten Erfolg hatte Frank Schätzing 2004 mit *Der Schwarm*, den das ZDF 2023 als Serie verfilmte.

  • Ilija Trojanow, *Eistau* (2011): ein Gletscherforscher begleitet Touristen in die Antarktis; Bloom zählt das Buch zu seinen Empfehlungen.
  • John von Düffel, *Der brennende See* (2020): im Zentrum steht eine junge Klimaaktivistin.
  • Wolf Harlander, *42 Grad*: der Titel spielt auf den deutschen Hitzerekord an und erzählt von Dürre und Wasserknappheit.
  • Zoë Beck, *Paradise City*: ein dystopischer Thriller, angesiedelt in einem Deutschland, das von den Folgen der Erwärmung gezeichnet ist.

Im Kino blieb der deutsche Beitrag schmaler. Leyda nennt Tim Fehlbaums *Hell* (2011) als seltene Ausnahme unter den Endzeitfilmen, die meist aus Hollywood kommen: Die Sonne ist so heiß geworden, dass Menschen sich ihr kaum noch aussetzen können, und zwei Schwestern kämpfen ums Überleben.

Infografik: Zeitleiste der Climate Fiction von Ballard 1962 bis Robinson 2020
Stationen der Climate Fiction, vom überfluteten London bei Ballard bis zum Ministerium für die Zukunft.

Verändert Cli-Fi die Klimadebatte?

Ob Romane politisch wirken, lässt sich messen. Allerdings nur grob. Der Literatur- und Umweltforscher Matthew Schneider-Mayerson befragte 2018 Leserinnen und Leser von Climate-Fiction und stellte fest, dass sie überwiegend ohnehin um das Klima besorgt waren. 2020 folgte das erste Experiment: Die Lektüre einer Kurzgeschichte zum Klimawandel hatte kleine, aber messbare Effekte auf Überzeugungen und Einstellungen, die nach einem Monat statistisch nicht mehr nachweisbar waren.

Das klingt ernüchternd. Mit Leydas Sicht deckt es sich trotzdem. Ihr geht es weniger um die Frage, ob ein Film die Wissenschaft korrekt wiedergibt, als darum, wie er auf emotionaler Ebene wirkt. Ein einzelner Film ändert wenig. Viele Filme und Bücher über Jahre hinweg verschieben womöglich, was eine Gesellschaft sich vorstellen kann. Die politische Klimadebatte wird ohnehin anderswo entschieden, etwa im Streit um Kosten und Klimaschutz beim Heizungsgesetz, aber die Literatur liefert die Bilder, mit denen dort argumentiert wird.

Was bleibt

  • Das Wort Cli-Fi geht auf Dan Bloom zurück, verbreitet hat es sich seit 2013 weit über dessen Einfluss hinaus.
  • Climate-Fiction bildet ein loses Feld über Medien und Länder hinweg, mit einem Schwerpunkt in Nordamerika; einen Kanon hat sie nicht.
  • Die Wissenschaft, von Leyda bis Goodbody, interessiert sich mehr für Gefühlsstrukturen als für korrekte Prognosen.
  • Die Wirkung einzelner Texte ist klein und flüchtig, die Summe vieler Erzählungen ist kaum zu messen.

Gerade dieser letzte Punkt spricht dafür, das Etikett ernst zu nehmen. Ein Genre, das die meisten seiner Leser schon überzeugt vorfindet, wird kaum jemanden bekehren. Es kann aber einer Generation, die mit Hitzesommern aufwächst, eine Sprache für Erfahrungen geben, für die es vor zwanzig Jahren noch keine gab.

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