
Am 13. Februar 2006 lief im Wettbewerb der 56. Berlinale ein Film, über den schon vor der ersten Vorführung mehr gestritten wurde als über die meisten anderen Beiträge des Jahrgangs. Der freie Wille, der Film von Matthias Glasner, folgt knapp drei Stunden einem Vergewaltiger und sieht die Welt konsequent aus dessen Blickwinkel. Zurück bleibt beim Publikum die Frage, ob das Kino so dicht an einen Täter heranrücken darf, und wenn ja, um welchen Preis.
Worum es geht, und worum nicht
Theo, ein Vergewaltiger (Jürgen Vogel), wird nach neun Jahren im Maßregelvollzug auf Bewährung entlassen. Er kommt in eine betreute Wohngemeinschaft in Mülheim an der Ruhr, sein Bewährungshelfer Sascha (André M. Hennicke) besorgt ihm eine Stelle in einer Druckerei. Theo trainiert verbissen und ringt um ein Leben, das man normal nennen könnte; seine Angst vor Frauen und ein Trieb, den er kaum beherrscht, machen jeden Tag zur Prüfung. In der Druckerei begegnet er Nettie (Sabine Timoteo), der 27-jährigen Tochter des Chefs. Ihr Vater (Manfred Zapatka) hat sie über Jahre psychisch missbraucht, und sie fängt gerade erst an, sich von ihm zu lösen.
Zwischen Theo und Nettie entsteht eine zögernde Liebe, die der Film mit großer Geduld beobachtet. Zugleich bleibt nie ein Zweifel daran, dass Theos Taten Frauen zerstört haben und dass sein Verlangen nicht verschwunden ist. Das Drama zeigt Gewalt, die Kamera weicht ihr nicht aus; eine Nacherzählung dieser Szenen ist für das Verständnis des Werks entbehrlich. Wichtiger ist die Konstruktion. Ein Täter findet zu einer Frau, die selbst Übergriffe erlebt hat, und die Erzählung fragt, wie weit der Wille der beiden reicht.
Entstehung: Jürgen Vogel als Co-Autor und Co-Produzent
Ungewöhnlich ist die Rolle des Schauspielers. Das Drehbuch stammt von Matthias Glasner, Jürgen Vogel und Judith Angerbauer, und Vogel war außerdem an der Produktion beteiligt. Gedreht wurde laut filmportal.de vom 12. September 2004 bis zum 31. Januar 2005, an der Ostsee und in Belgien ebenso wie in Mülheim und Berlin.
| Eckdaten | Angabe |
|---|---|
| Land, Jahr | Deutschland 2006 |
| Regie und Kamera | Matthias Glasner |
| Drehbuch | Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel |
| Schnitt | Mona Bräuer, Julia Wiedwald |
| Produktion | Colonia Media, Schwarzweiss Filmproduktion, Koproduktion WDR/Arte |
| Besetzung | Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, André M. Hennicke, Manfred Zapatka, Judith Engel |
| Uraufführung | 13.02.2006, Berlinale, Wettbewerb |
| Kinostart | 24.08.2006 (Kinowelt) |
| Laufzeit | 163 Minuten (Berlinale-Archiv), 171 Minuten (filmportal.de) |
| Freigabe | FSK 16 |
Im Gespräch mit Birgit Glombitza (taz, 24. August 2006) erzählte der Regisseur, er habe das Projekt ursprünglich mit seinem Hauptdarsteller und realen Vergewaltigern erarbeiten wollen; die Gefängnisverwaltung lehnte das ab. Geblieben ist ein Werk, das fast ganz auf der körperlichen Arbeit seines Darstellers ruht. Vogel trägt Theo durch jede Szene, und gerade diese Hingabe machte das Drama für viele Menschen so schwer erträglich.
Der Silberne Bär für Vogels Gesamtleistung
Die Internationale Jury der 56. Internationalen Filmfestspiele Berlin vergab 2006 den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung an Jürgen Vogel, ausdrücklich als Darsteller, Co-Autor und Co-Produzent. Gewürdigt wurde damit die gesamte Arbeit hinter der Figur, vom Drehbuch bis zur Produktion. Weitere Auszeichnungen folgten:
- Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater für Matthias Glasner (Berlinale 2006)
- Darstellerpreis für Jürgen Vogel beim Tribeca Film Festival 2006 in New York
- Prädikat „besonders wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW)
Dieser Silberne Bär war die vielleicht klügste Entscheidung der Jury. Sie zeichnete ein Projekt aus, dessen Kern nicht von der Person zu trennen ist, die es angestoßen hat.

Erzählweise und Kamera: Nähe als Methode
Die Kamera führte der Regisseur selbst. Gedreht wurde digital auf DV, später auf 35 mm übertragen, im Format 1:1,66. Das Bild bleibt nah an Gesichtern und Körpern und lässt den Szenen ihre Dauer. In der taz beschrieb er die Haltung seiner Kamera so: Sie schaue den Figuren „mit einer gewissen poetischen Zärtlichkeit zu“. Ein Satz, der angesichts des Stoffes provozieren muss, und der wohl provozieren sollte.

Die Dramaturgie verzichtet auf Erklärungen. Es gibt keine psychologische Rückblende, die Theos Taten aus einer Kindheit ableitet, und auch kein Gerichtsdrama. Der Zuschauer verbringt Zeit mit Theo, beim Training, an der Druckmaschine, in der Pizzeria, in der Wohnung. So entsteht über fast drei Stunden eine Gewöhnung, die immer wieder gebrochen wird.
Was im Inneren der Figur vorgeht, erschließt sich nur über Gesten und Wiederholungen. Wenn Theo und Nettie sich in Belgien wiedersehen, nimmt sich die Inszenierung Zeit für eine Zärtlichkeit, die bei diesem Stoff irritiert, und lässt offen, wie viel davon aus freien Stücken geschieht.

Rezeption und Kontroverse
Schon die Premiere spaltete Kritik und Publikum. Ekkehard Knörer schrieb im Berlinale-Blog des Perlentauchers, Glasner tappe in keine der Fallen, die bereitliegen, und der Film „manipuliert einen nicht“; dennoch sei Der freie Wille „kein ganz großer Film“, denn es bleibe „bis zuletzt das Gefühl eines Überschusses des Inhalts über die Form“. Als eine der Zumutungen benannte er den Satz: „Wir sollen den Vergewaltiger mit den Augen einer Liebenden sehen.“
Die Einwände lassen sich grob ordnen:
- Darstellung der Gewalt: Die Szenen dauern, die Kamera bleibt, und das Publikum hat außer dem Verlassen des Saals keine Möglichkeit auszuweichen.
- Identifikation: Die enge Verbindung zwischen dem Darsteller und seiner Figur verwischt die Grenze zwischen Rolle und Person.
- Die Frauenfiguren: Nettie und die Betroffenen erscheinen vor allem in Bezug auf Theo.
- Das Ende: Die Geschichte endet tödlich für Theo, und manche lasen darin eine Entlastung, die zu früh kommt.
Der Regisseur hielt in der taz dagegen: „Der Film verteidigt nichts, er versucht nichts weiter, als Nähe aufzubauen.“ Ob diese Haltung tatsächlich nichts verteidigt, ist genau die Frage, an der sich die Debatte entzündete.
Die ethische Frage: Wie erzählt man aus Täterperspektive?
Das Kino kennt die Täterfigur seit Jahrzehnten, vom Mörder in Fritz Langs „M“ bis zu Michael Hanekes „Funny Games“ (1997). Haneke allerdings zwingt sein Publikum, über die eigene Schaulust nachzudenken, er reflektiert das Medium im Medium. Hier fehlt diese Distanz, und zwar mit Absicht. Riskanter ist dieser Weg, weil der Zuschauer keinen Ort mehr findet, von dem aus er urteilen kann.
Einige Kriterien, an denen sich eine Täterperspektive im Film messen lässt:
- Das Verbrechen bleibt Verbrechen: keine Begründung, die es verständlich im Sinne von verzeihlich macht.
- Die Betroffenen behalten ein eigenes Gewicht, auch wenn sie wenig Raum bekommen.
- Die Gewalt wird nicht ästhetisiert, sie bleibt hässlich und folgenreich.
- Das Ende entlässt das Publikum nicht aus der Verantwortung, das Gesehene zu bewerten.
Die ersten beiden Punkte erfüllt Der freie Wille weitgehend. Theos Taten werden an keiner Stelle relativiert, und die Begegnung Netties mit einer Frau, die Theo Jahre zuvor überfallen hat, zeigt die Folgen ohne Trost. Über die beiden anderen wird bis heute gestritten. Netties Geschichte, die einer Frau, die erst anfangen muss, einen eigenen Willen zu entwickeln, bewahrt den Film davor, bloße Täterstudie zu sein.
Der Titel stellt die Frage nach dem freien Willen sehr direkt. Kann Theo sich gegen die Tat entscheiden, oder hat sein Trieb das längst getan? Und wie frei ist Netties Liebe, nachdem ihr Vater sie ihr ganzes Leben lang psychisch missbraucht und bevormundet hat? Beantwortet wird beides nicht. Schon Schopenhauer hat sich an diesem Problem abgearbeitet; auf avinus-magazin.eu ist dazu ein Porträt über den jungen Schopenhauer und seinen Weg zur Philosophie erschienen.
Einordnung ins deutsche Kino
Um 2006 erlebte das Kino in Deutschland eine Phase, in der Authentizität zum Maßstab wurde. Christian Petzold, Angela Schanelec oder Valeska Grisebach erzählten mit großer Ruhe von Alltag und Verlorenheit; Grisebachs „Sehnsucht“ lief im selben Berlinale-Wettbewerb 2006. Glasner teilt mit dieser Richtung den Verzicht auf Erklärung, nicht aber ihre Zurückhaltung. Sein Kino ist körperlich und laut, wo die sogenannte Berliner Schule leise bleibt.
Das Vertrauen auf Beobachtung verbindet ihn mehr mit dem Dokumentarfilm, als es zunächst scheint; wie die direkte Beobachtung dort funktioniert, zeigt der Beitrag über die Methode des Dokumentarfilmers Christoph Hübner.
Seinen Themen blieb Glasner treu. Mit „Gnade“ kehrte er 2012 in den Wettbewerb der Berlinale zurück, mit „Sterben“ gewann er 2024 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, der Film erhielt im selben Jahr die Lola in Gold beim Deutschen Filmpreis. Aus dieser Rückschau wirkt Der freie Wille wie der Ausgangspunkt eines Werks, das sich mit Schuld, Körper und Familie beschäftigt.
Kurz beantwortet
Welche Laufzeit hat das Drama? Das Berlinale-Archiv nennt 163 Minuten, filmportal.de verzeichnet für Der freie Wille 171 Minuten bei 4.682 Metern Filmlänge.
Ab welchem Alter ist er freigegeben? Die FSK gab ihn am 27. Juli 2006 ab 16 Jahren frei, nicht feiertagsfrei.
Wann lief er im Fernsehen? Die Erstausstrahlung lief am 22. April 2009 auf Arte.
Wer selbst Gewalt erfahren hat, findet beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 rund um die Uhr anonyme Beratung.





