Gutenberg und die Lichtsymbolik: der Buchdruck als Medium des neuzeitlichen Lichts

1798 entwarfen der Berliner Astronom Johann Elert Bode und sein Pariser Kollege Joseph Jérôme de Lalande ein neues Sternbild, gelegen östlich des Sirius, und gaben ihm einen erstaunlich irdischen Namen: Buchdruckerwerkstatt. In Bodes Himmelsatlas, dem Werk *Uranographia* von 1801, erscheint es als *Officina Typographica*, mit Presse und Setzkasten zwischen Einhorn und Großem Hund. Der Einfall zeigt, wie selbstverständlich die Zeit um 1800 Gutenbergs Erfindung an den Himmel und damit ins Licht rückte. Gutenberg und die Lichtsymbolik gehören seit der Reformation zusammen. Die Geschichte dieser Verbindung verrät über die Selbstbilder der Neuzeit mehr als über Johannes Gutenberg selbst, der um 1400 in der Stadt Mainz geboren wurde und 1468 dort starb.
Ein Sternbild für die Druckerpresse
Dass gerade die Druckerpresse unter die Sterne geriet, hat eine Vorgeschichte. Francis Bacon hatte schon 1620 im *Novum Organum* behauptet, kein Reich, keine Lehre und kein Gestirn habe auf die menschlichen Angelegenheiten größeren Einfluss gehabt als Buchdruck, Schießpulver und Kompass. Georg Christoph Lichtenberg wird der Satz zugeschrieben, mehr als das Gold habe das Blei die Welt verändert, und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten. Bode und Lalande nahmen diese Rangordnung gewissermaßen beim Wort.

Nach 1878 taucht das Sternbild auf Himmelskarten kaum noch auf, und seit der Festlegung der Sternbildgrenzen 1928 gehören seine Sterne zum Achterdeck des Schiffes, lateinisch Puppis. Die Vorstellung vom Buchdruck als Licht überdauerte es um Längen, denn sie stützte sich auf eine viel ältere Bildsprache als jede Himmelskarte.
Lichtmetaphorik: Erleuchtung, Aufklärung, lumières
Licht ist das älteste Gleichnis für Erkenntnis, das die europäische Tradition kennt. Die Genesis beginnt mit dem „Es werde Licht“, der Prolog des Johannesevangeliums nennt das Wort selbst ein Licht, das in der Finsternis scheint. Mittelalterliche Theologie unterschied zwischen dem *lumen supranaturale*, dem göttlichen Licht der Offenbarung, und dem *lumen naturale*, dem natürlichen Licht der Vernunft. Wer erkannte, wurde erleuchtet. Das Verb klingt bis heute fromm.
Die Aufklärer haben diese Bildsprache übernommen und umgedeutet. Die Bezeichnungen sprechen für sich:
- englisch *Enlightenment*, also Erleuchtung,
- französisch *les Lumières*, die Lichter,
- italienisch *Illuminismo*,
- deutsch *Aufklärung*, ein Wetterwort für den aufklarenden Himmel.
Immanuel Kant definierte 1784 in der *Berlinischen Monatsschrift* die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Gemeint war ein andauernder Vorgang. Gerade deshalb ließ er sich so gut als wachsende Helligkeit erzählen. An diese Denkfigur knüpft noch der philosophische Kritizismus eines Alois Riehl an, der rund hundert Jahre später Kants Erkenntniskritik gegen spekulative Systeme in Stellung brachte. Für die Lichtsymbolik entscheidend ist eine Verschiebung der Quelle: Das Licht der Aufklärung erzeugen und verbreiten Menschen selbst. In diese Lücke passte eine Technik, die Wissen in Hunderten gleicher Abzüge vervielfältigte.
Gutenberg-Feiern, Denkmäler, Fackelzüge
Die Erinnerung an die Erfindung des Buchdrucks folgte früh einem Jahrhundertrhythmus. Gefeiert wurde 1540, 1640, 1740 und 1840, obwohl das Erfindungsjahr unsicher ist und irgendwo zwischen 1440 und 1450 liegt; den Takt lieferte im Grunde eine ungenaue Angabe der Kölner Chronik von 1499. So entstand eine Festtradition auf schwankendem Grund. Gerade ihre Ungenauigkeit machte sie für jede Deutung offen.
| Jahr | Anlass | Lichtbild der Feier |
|---|---|---|
| 1540 | erstes Säkularjubiläum, reformatorisch geprägt | Buchdruck als Gottesgeschenk |
| 1740 | 300-Jahr-Feier, erste quellenkritische Gutenberg-Schriften | Gutenberg als verkanntes Genie |
| 1837 | Enthüllung des Mainzer Denkmals von Bertel Thorvaldsen | Fackelzug zum Standbild |
| 1840 | 400-Jahr-Feiern in vielen Städten | Fackel der Aufklärung, Pressefreiheit |
| 1900 | 500. Geburtstag, Gründung des Gutenberg-Museums | Gutenberg als nationaler Kulturstifter |
Der Mainzer Fall ist aufschlussreich. Schon 1792 hatte der Jakobiner Anacharsis Cloots vor der französischen Nationalversammlung verlangt, die Gebeine von Johannes Gutenberg ins Panthéon zu überführen, weil ohne Buchdruck keine Revolution denkbar gewesen sei. Die Linie vom Drucker zum Umsturz zieht sich durch das ganze Zeitalter der Revolutionen, bis in die Karibik, wo die Haitianische Revolution in Saint-Domingue die Freiheitsparolen aus Paris beim Wort nahm. Das Denkmal, das 1837 auf dem Gutenbergplatz enthüllt wurde, gilt als das erste bürgerliche Denkmal Deutschlands im vollen Sinn, weil Bürger es angeregt und bezahlt hatten und einen der Ihren auf den Sockel stellten. Straßburg antwortete prompt und ließ bei David d’Angers ein eigenes Standbild fertigen, das 1840 aufgestellt wurde.

1840 schließlich nahm die Lichtsymbolik politische Form an. In Frankfurt am Main war das Gutenbergfest offiziell ein Innungsfest der Drucker, faktisch eine Kundgebung gegen die Zensur; eine Schulfahne trug die Losung „Bildung für alle und Pressefreiheit“. Ein Blatt aus demselben Jahr im Bestand des Gutenberg-Museums zeigt den Drucker mit einer Fackel in der erhobenen rechten Hand. Spätestens hier ist aus dem Handwerker ein Prometheus des Vormärz geworden.
Vier Rollen der Lichtgestalt Gutenberg
In Festschriften und Gedenkbüchern zwischen 1740 und 1900 wechselt die Rolle Gutenbergs auffallend oft, das Licht bleibt. Vier Besetzungen lassen sich unterscheiden:
- Das erleuchtete Genie: Im Umfeld des Jubiläums von 1740 begann die Quellenkritik, Johannes Gutenberg aus dem Trio mit dem Geldgeber Johannes Fust und dem Drucker Peter Schöffer herauszulösen. Das Helmasperger Notariatsinstrument vom 6. November 1455, das den Streit um Fusts Darlehen von zweimal 800 Gulden dokumentiert, wurde nun als Beleg eines Betrugs am Erfinder gelesen. Bühnenstücke nach 1800 verschmolzen Fust gern mit dem Teufelsbündler Faust, und die „schwarze Kunst“, eigentlich nach der Druckerschwärze benannt, bekam einen Hauch von Magie.
- Der Bote Gottes: Luther wird in den Tischreden das Wort zugeschrieben, der Buchdruck sei Gottes höchstes und letztes Geschenk, durch das die Sache des Evangeliums verbreitet werde. Protestantische Jubiläumspredigten griffen das bis 1840 auf.
- Die nationale Lichtgestalt: Früh entbrannte ein Streit, welcher Nation die Ehre des Ursprungs gebühre. Für eine Kulturnation ohne Staat war der Mainzer ein idealer Ahnherr.
- Der Aufklärer: In den Gedenkbüchern von 1837 und 1840 erscheint der Buchdruck als Damm gegen jeden Rückfall in die Barbarei, als Fackel, die nicht mehr erlöschen kann.

In allen vier Rollen arbeitet dieselbe Erzählform. Vorher herrscht Dunkel, dann setzt ein Einzelner einen Anfang, und von da an wird es unumkehrbar heller. Das ist die Struktur des Schöpfungsberichts, übertragen auf eine Werkstatt mit Spindelpresse.
Gutenberg-Galaxis und künstliches Licht: McLuhan und Giesecke
In den 1960er Jahren kehrte sich die Wertung um. Marshall McLuhan beschrieb 1962 in *The Gutenberg Galaxy* die Druckkultur als Zeitalter der Linearität und des vereinzelten Lesers. Der Lichtbringer wird bei ihm zur Ursache einer Entfremdung. Das Licht selbst wandert weiter. In seinem zweiten Werk *Understanding Media* (1964) eröffnet McLuhan seine Theorie der Medien ausgerechnet mit dem elektrischen Licht, einem Medium ohne Inhalt, und die elektronische Vernetzung soll die Gesellschaft in ein „globales Dorf“ verwandeln. Die Heilserwartung, die der Vormärz auf die Presse richtete, überträgt McLuhan auf die elektrischen Medien.
Nüchterner geht Michael Giesecke vor. Sein Buch *Der Buchdruck in der frühen Neuzeit*, 1991 erschienen und 957 Seiten stark, versteht sich als Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Giesecke liest die Lobreden des 15. und 16. Jahrhunderts als Hinweis auf ein neues Erkenntnisverständnis: Neben das göttliche Licht und das Licht der Vernunft tritt die Druckerei als drittes, künstliches Erkenntnisorgan. Darin steckt eine frühe Technisierung der Aufklärung. Der Ansatz ist umstritten, Rezensenten warfen ihm einen allzu systemtheoretischen Zugriff vor. Als Beschreibung dessen, was die Zeitgenossen über den Druck dachten, bleibt er überzeugend.
Kritik am Mythos Gutenberg
Die Lichtgestalt verdeckt freilich einiges. Den Buchdruck mit beweglichen Lettern gab es lange vor Mainz: Der chinesische Handwerker Bi Sheng formte solche Lettern um 1040 aus Keramik, und das koreanische *Jikji* wurde 1377 mit Metalllettern gedruckt. Gutenbergs Leistung lag im technischen Zusammenspiel von Handgießinstrument und Presse, ergänzt um eine passende Bleilegierung und ölhaltige Farbe. Dieses Verfahren war Werkstattarbeit. An der Gutenberg-Bibel, gesetzt mit 42 Zeilen je Spalte und meist in zwei Bände gebunden, wirkten neben Fust und Schöffer etwa 20 Mitarbeiter. Die Auflage lag bei rund 180 Exemplaren, gedruckt überwiegend auf Papier, der kleinere Teil auf Pergament. Heute sind nach Angaben der Deutschen UNESCO-Kommission 49 vollständige und unvollständige Exemplare der Gutenberg-Bibel erhalten; das Göttinger Pergamentexemplar mit 1.282 Seiten ist seit 2001 Weltdokumentenerbe.
Auch die Rede von der Revolution hat ihre Gegner. Elizabeth Eisenstein beschrieb 1979 die Druckerpresse als „agent of change“, Martyn Lyons spricht dagegen ausdrücklich vom „Mythos Gutenberg“, und Adrian Johns hat gezeigt, dass die Verlässlichkeit, die man dem gedruckten Buch zuschreibt, erst durch Verleger, Privilegien und Lesegewohnheiten entstand. Sogar die Lebensdaten von Johannes Gutenberg tragen Spuren der Feierkultur: Das Geburtsjahr 1400 legte die Gutenberg-Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts fest, damit man im Jahr 1900 den 500. Geburtstag begehen konnte. Und als das Magazin *Time* 1997 den Buchdruck zur wichtigsten Erfindung des Jahrtausends wählte und der Sender A&E Gutenberg 1999 zum „Mann des Jahrtausends“ kürte, stand die Lichtgestalt wieder auf dem Sockel.
Was vom Licht bleibt
Berichtigen muss man die Lichtsymbolik um Gutenberg kaum, eher lesen: Sie ist ein Quellenbestand eigener Art, an dem sich ablesen lässt, wie Epochen sich ihren Anfang erzählen. Einige Befunde lassen sich festhalten:
- Die Verbindung von Buchdruck und Licht stammt aus der christlichen Schöpfungs- und Erleuchtungsbildsprache und wurde von der Aufklärung säkularisiert.
- Jubiläen, Denkmäler und Fackelzüge zwischen 1740 und 1900 machten aus dem Erfinder eine Lichtgestalt für Genie, Glauben, Nation und Pressefreiheit.
- Die Forschung relativiert die Alleinerfindung und die Revolutionsthese, ohne die Entwicklung zu bestreiten, die der Buchdruck in Europa anstieß.
Wer heute vom Ende des Buchzeitalters spricht oder dem Internet eine neue Aufklärung zutraut, bedient sich derselben Lichtmetaphorik, die 1837 in Mainz die Festredner verwendeten, als die Fackeln zum Denkmal getragen wurden.
Literatur
- Michael Giesecke: *Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien*. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (zuerst 1991), ISBN 3-518-28957-8.
- Stephan Füssel: *Gutenberg und seine Wirkung*. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1999, ISBN 3-458-16980-6.
- Elizabeth L. Eisenstein: *Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa*. Springer, Wien/New York 1997, ISBN 3-211-82848-6.
- Aloys Ruppel: Gutenberg, Johannes. In: *Neue Deutsche Biographie*, Bd. 7, Berlin 1966, S. 339–342.





