Politik

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE): Pro, Contra, Fakten

Briefumschlag und Euro-Scheine auf einem Küchentisch neben Kaffeetasse und Zeitung
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1.200 Euro im Monat, für jeden Erwachsenen, ohne Antrag und ohne Prüfung der Bedürftigkeit: Auf diese Zahl läuft die Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) in Deutschland inzwischen fast immer hinaus. Die Summe lässt sich durchrechnen, und sie ist groß genug, um beide Lager zuverlässig in Stellung zu bringen.

Ob man es sich leisten kann, über ein solches Modell gar nicht erst zu reden, wurde schon in den Jahren nach der Hartz-Reform gefragt, als Globalisierung und eine alternde Bevölkerung die Sozialkassen unter Druck setzten. Inzwischen verändert künstliche Intelligenz die Büroarbeit, und die Bundesregierung geht mit der Neuen Grundsicherung seit dem 1. Juli 2026 den umgekehrten Weg (mehr Pflichten, schärfere Kürzungen). Was über das BGE tatsächlich belegt ist, verdient deshalb einen nüchternen Blick.

Die Idee: ein Sockel für alle, ohne Gegenleistung

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist schnell erklärt. Der Staat zahlt jedem Bürger und jeder Bürgerin einen festen Betrag, den sie erhalten, gleich ob sie arbeiten, Angehörige pflegen oder keines von beidem; viele bestehende Sozialleistungen würden dafür entfallen.

Das Netzwerk Grundeinkommen nennt vier Merkmale, an denen sich jedes Modell messen lassen muss. Ein Grundeinkommen im strengen Sinn soll

  • die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
  • jedem Menschen als individueller Rechtsanspruch zustehen,
  • ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden,
  • keinen Zwang zur Arbeit oder zu einer anderen Gegenleistung enthalten.

Einem Lager lässt sich das Konzept kaum zuordnen. Der liberale Ökonom Milton Friedman schlug bereits 1962 in „Capitalism and Freedom“ eine negative Einkommensteuer vor, die Armut über das Finanzamt statt über Ämter bekämpfen sollte. In Deutschland warb der dm-Gründer Götz Werner ab Mitte der Nullerjahre für ein Grundeinkommen, das über die Mehrwertsteuer finanziert wird. Der Thüringer CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus legte 2006 sein „Solidarisches Bürgergeld“ vor, der Ökonom Thomas Straubhaar verteidigt die Idee seit Langem als radikale Vereinfachung des Sozialstaats. Links der Mitte geht es eher um Freiheit vom Erwerbszwang und um soziale Gerechtigkeit.

Entsprechend weit liegen die Modelle auseinander, und wer zwei Befürworter miteinander reden hört, merkt bald, dass sie nicht dasselbe meinen.

Wie ließe sich ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren?

Wie das Grundeinkommen finanziert werden soll, entscheidet darüber, ob aus der Idee je Politik wird. Die wichtigsten Modelle:

ModellGrundideeVertreterHaupteinwand
Konsumsteuer-ModellMehrwertsteuer steigt stark, Abgaben auf Arbeit sinkenGötz Wernerbelastet niedrige Einkommen relativ stärker, Preise steigen
Negative EinkommensteuerFinanzamt zahlt unterhalb einer Grenze aus, darüber wird verrechnetMilton FriedmanZahlung hängt am Einkommen, also nicht völlig bedingungslos
Solidarisches BürgergeldPauschale mit Gesundheitsprämie, zwei SteuersätzeDieter Althausumstritten, ob der Grundbetrag zum Leben reicht
Flat-Tax-Modell1.200 Euro für Erwachsene, die Hälfte für Kinder, hoher EinheitssteuersatzVerein Mein Grundeinkommen, Simulation des DIWSteuersätze von 50 Prozent und mehr
Ökosteuer- und CO2-ModelleEinnahmen aus CO2-Preisen werden je Kopf zurückgezahltdiverse Klimageld-Vorschlägedeckt nur einen Bruchteil der Kosten

Wie tief die Lücke wäre, hat Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 2023 vorgerechnet. Ein Grundeinkommen von 1.200 Euro pro Monat für Erwachsene und der Hälfte für Kinder kostet brutto gut 1.100 Milliarden Euro jährlich. Wegfallen könnten die Grundsicherung für Arbeitsuchende und im Alter, Kinderzuschlag, Wohngeld und BAföG, was aber nur gut ein Zehntel davon spart. Es bleibt ein Finanzbedarf von knapp einer Billion, etwa ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts und rund doppelt so viel, wie der Bund in einem Jahr insgesamt ausgibt. Die Einkommensteuer müsste dafür im Schnitt auf gut 60 Prozent steigen. Oder die Mehrwertsteuer, und zwar kräftig. Wer die Preissprünge von 2022 und 2023 noch vor Augen hat (und die Ratschläge, wie man sich vor hoher Inflation schützt), versteht, warum Ökonomen bei der Konsumsteuer-Variante zögern.

Die CO2-Variante taugt allenfalls als Baustein. Schon beim Streit um das Heizungsgesetz zwischen Kosten und Klimaschutz zeigte sich, dass eine Rückverteilung von CO2-Einnahmen zwar Zustimmung findet, für einen Lebensunterhalt aber bei weitem nicht reicht.

Das Pilotprojekt Grundeinkommen: 36 Monate, 1.200 Euro

Den bislang genauesten Test in Deutschland haben das DIW Berlin und der Verein Mein Grundeinkommen gemeinsam mit Forschern der Universität Köln und des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern durchgeführt. Bezahlt wurde das Projekt von rund 140.000 privaten Spendern. Von Juni 2021 bis Mai 2024 erhielten die Teilnehmenden drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro, zufällig ausgewählt aus Alleinlebenden zwischen 21 und 40 Jahren mit mittlerem Einkommen. Ausgewertet wurden 107 Personen, die ein Grundeinkommen erhalten haben, und eine Vergleichsgruppe von 1.580 Menschen ohne die Zahlung.

Die Ergebnisse erschienen im April 2025, und sie entkräften vor allem die verbreitetste Befürchtung:

  • In beiden Gruppen arbeiteten rund 90 Prozent, im Schnitt etwa 40 Stunden pro Woche; einen signifikanten Rückgang der Arbeitszeit gab es nicht.
  • Die Empfänger legten im Monat 447 Euro mehr zurück als die Vergleichsgruppe.
  • Sie spendeten mehr und halfen Familie und Freunden häufiger aus, zusammen mit sieben bis acht Prozent der Zahlungen.
  • Mentale Gesundheit und Lebenszufriedenheit verbesserten sich deutlich, die finanzielle Sorge nahm ab (auf einer Skala bis 10 lag die Zufriedenheit bei 7,6 gegenüber 7,1).

So steht es im Wochenbericht des DIW, dessen Autoren auch die Grenzen ihrer Studie offenlegen. Das Geld war auf 36 Monate befristet. Alle Teilnehmenden wussten das. Gewichtiger noch: Keiner von ihnen zahlte die höheren Steuern, die ein echtes BGE verlangen würde. Gemessen wurde, wie Menschen auf ein zusätzliches Einkommen reagieren. Ob eine Volkswirtschaft das Ganze trägt, kann ein Feldversuch dieser Größe gar nicht klären.

Finnland, die Schweiz und andere Versuche in Europa

Bürgerversammlung in einem Rathaussaal mit Podium und Mikrofonen
Ob Grundeinkommen oder Grundsicherung: Über die Zukunft des Sozialstaats wird in vielen Ländern Europas öffentlich gestritten.

Außerhalb Deutschlands gab es mehrere Versuche, keiner davon flächendeckend und dauerhaft:

  1. In Finnland zahlte die Sozialversicherungsanstalt Kela 2017 und 2018 genau 2.000 zufällig ausgewählten Arbeitslosen 560 Euro im Monat, steuerfrei und ohne Auflagen. Zwischen November 2017 und Oktober 2018 waren die Empfänger im Schnitt 78 Tage beschäftigt, sechs Tage mehr als die Kontrollgruppe. Klarer fiel der Befund beim Wohlbefinden aus: weniger psychische Belastung, weniger Einsamkeit, eine positivere Sicht auf die eigene finanzielle Lage.
  2. In der Schweiz lehnten die Stimmberechtigten am 5. Juni 2016 eine Volksinitiative für ein BGE mit 76,9 Prozent ab.
  3. Irland zahlte ab 2022 im Pilotprogramm „Basic Income for the Arts“ etwa 2.000 Künstlerinnen und Künstlern wöchentlich 325 Euro; ein Nachfolgeprogramm ist für 2026 bis 2029 aufgelegt.
  4. Wales startete 2022 einen Versuch für junge Menschen, die aus staatlicher Fürsorge kommen: 24 Monate lang 1.600 Pfund vor Steuern.

Gemeint sind in allen Fällen Teil-Grundeinkommen für klar umrissene Gruppen. Methodisch ist das sauber, die eigentliche Frage nach einem Grundeinkommen für alle bleibt damit offen.

Pro und Contra im Überblick

Was dafür sprichtWas dagegen spricht
weniger Bürokratie, weil Prüfungen und Bescheide entfallenFinanzbedarf von knapp einem Viertel des BIP
Schutz vor Stigmatisierung, verdeckte Armut sinktSteuersätze von 50 Prozent und mehr senken Arbeitsanreize
mehr Verhandlungsmacht gegenüber schlecht bezahlten Jobsoffene Frage, wer in einer EU mit Freizügigkeit Anspruch hat
Absicherung in Umbrüchen, etwa durch Automatisierunggleiche Pauschale passt schlecht zu Pflege oder Behinderung

Die möglichen Nachteile liegen weniger beim einzelnen Menschen als bei der Wirtschaft insgesamt. Steuersätze in der vom DIW errechneten Höhe könnten gut bezahlte Fachkräfte in die Abwanderung oder in die Schwarzarbeit führen, ein Problem, das schon die ältere Debatte über die hohe Abgabenlast auf Arbeit kannte. Ähnliche Fragen stellen sich beim Anspruch in einer Union mit Freizügigkeit. Die Vorteile wären dort am größten, wo der Sozialstaat heute versagt. Viele Personen, denen Sozialleistungen zustehen, beantragen sie aus Scham oder Unkenntnis nie. Eine Zahlung ohne Antrag würde diese verdeckte Armut beenden.

Das beste Argument der Befürworter haben schon die frühen Texte zum Thema vorgebracht: Der Sozialstaat zahlt längst eine Art bedingtes Grundeinkommen aus, verwaltet von einer Bürokratie, deren Regeln kaum jemand überblickt. Wer sich je durch die Bestimmungen zur Nachzahlung bei der Erwerbsminderungsrente gearbeitet hat, weiß, wovon die Rede ist. Gegen all das steht bei den Kritikern im Grunde eine einzige Zahl: die Rechnung des DIW.

Infografik: Vergleich des deutschen Pilotprojekts mit dem finnischen Grundeinkommen-Experiment
Zwei Experimente im Vergleich: Betrag, Laufzeit, Teilnehmende und die wichtigsten Ergebnisse.

Stand der Debatte in Deutschland

Auf der Tagesordnung des Bundestags steht das BGE derzeit nicht. Das Parlament hat das Bürgergeld durch die Neue Grundsicherung ersetzt, die seit Juli 2026 gilt. Der Regelsatz für Alleinstehende bleibt bei 563 Euro. Gesenkt wurden die Vermögensfreibeträge, die Karenzzeit fiel weg, und wer zwei Termine versäumt, muss mit einer Kürzung um 30 Prozent rechnen. Ordnungspolitisch ist das der Gegenentwurf zum Grundeinkommen.

In der Bevölkerung sieht es anders aus. Eine Auswertung des DIW von 2023 fand hohe Zustimmung zum BGE, am größten bei jenen, die davon profitieren würden. Auch jenseits des Atlantiks wird weiter geforscht: Eine von OpenAI-Chef Sam Altman mitfinanzierte US-Studie zahlte 1.000 Empfängern 36 Monate lang 1.000 Dollar, und diese arbeiteten danach etwa 1,3 Stunden pro Woche weniger als die Vergleichsgruppe.

Für Menschen mit Arbeit hat das Berliner Experiment den Verdacht, Geld ohne Bedingung mache träge, weitgehend entkräftet. Ungelöst bleibt die Finanzierung. Für die Gesellschaft bleibt außerdem eine Frage, die keine Studie beantworten kann, nämlich ob Pflege, Ehrenamt und Erziehung als Arbeit zählen sollen. Realistischer als das volle Modell erscheinen Zwischenschritte, etwa eine Steuergutschrift nach Friedmans Vorbild oder niedrigere Abzüge beim Hinzuverdienst in der Grundsicherung, die einen Hinzuverdienst lohnender machen würden, ohne den Haushalt zu sprengen.

Kernaussagen

  • Ein BGE in Höhe von 1.200 Euro würde nach DIW-Rechnung netto knapp eine Billion Euro im Jahr kosten.
  • Im deutschen Feldversuch sank die Arbeitszeit nicht messbar, das psychische Befinden besserte sich deutlich.
  • Finnland zeigte 2017 bis 2018 kaum Beschäftigungseffekte, aber mehr Wohlbefinden.
  • Kein Land hat bisher ein flächendeckendes, dauerhaftes Grundeinkommen eingeführt.
  • Die deutsche Politik geht mit der Neuen Grundsicherung derzeit in die Gegenrichtung.

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